Aus dem Alltag der Eulenforscher

Aus dem Alltag der Eulenforscher

Eulenschutz in Moers und Neukirchen-Vluyn

24.02.2017

Der NABU Moers/Neukirchen-Vluyn ist seit vielen Jahren im Schutz der bedrohten Avifauna, ins Besondere der Eulen und Käuze, aktiv. Neben den recht stabilen Beständen des Waldkauzes (Strix aluco) und der Waldohreule (Asio otus) sind hier besonders die Schleiereule (Tyto alba) sowie der Steinkauz (Athene noctua) als prägende Arten der Region zu nennen. Erfreulicherweise zählt der Niederrhein zu einem der Hauptverbreitungs-Schwerpunkte des Steinkauzes. Nachdem in den vergangenen Jahren die Arbeit im Eulenschutz zunächst etwas ins Stocken gekommen war, sind die geschützten Vögel seit 2016 wieder verstärkt in den Fokus der Bemühungen gerückt.

Neben der Erfassung der Bestände durch Kastenkontrollen, Sichtbeobachtungen oder nächtliche Verhöre mittels Klangattrappe ist ein Schwerpunkt in der Sicherung und Pflege geeigneter Habitate zu sehen. Dabei wird die Pflege der hier weit verbreiteten und landschaftsprägenden Kopfweiden besonders intensiv betrieben. Die Erhaltung von Streuobstwiesen und Dauer-Grünlandflächen gestaltet sich indes wesentlich schwieriger. Hier versucht der NABU auf Politik und Kreis einzuwirken, um die Interessen des Natur- und Landschaftsschutzes zu wahren.

Die Tatsache, dass die natürlichen Nistplätze der höhlenbewohnenden und -brütenden Arten zunehmend der Motorsäge zum Opfer fallen und die gebäudebrütenden Arten wie die Schleiereule unter der (energetischen) Sanierung alter Gebäude leiden, macht das Anbringen geeigneter Nistmöglichkeiten in Form von Niströhren und Nistkästen unausweichlich. Auch hier wird durch Kooperationen und viel ehrenamtliches Engagement eine Menge erreicht.

Ein viertes wichtiges Element der Schutzbemühungen ist in der Öffentlichkeitsarbeit zu sehen. Soziale Netzwerke wie facebook sind ebenso hilfreich wie Fachzeitschriften, Tageszeitungen oder Illustrierte wie die Landlust oder andere Gartenzeitschriften. Kostenfrei durchgeführte Seminare und Exkursionen an der VHS Moers runden die Kommunikation mit der Öffentlichkeit ab. Der so genannte „Runde Tisch Umwelt Moers“, eine Runde verschiedener am Umwelt-, Arten- und Landschaftsschutz interessierter Gruppierungen wie NABU, Hegering, Stadt Moers, Imker, Landwirte, LINEG und ENNI formierte sich vor rund einem Jahr. Hier werden ebenfalls Belange, die den Eulenschutz betreffen, eingebracht und vertieft.

Kooperationen sowie das in Zeiten des Internets sehr gut durchführbare „Networking“ – so auch untereinander in der AG Eulen (großes Lob!) – sollen weiter intensiviert, Kontakte zu „Profis“ zwecks eines andauernden Erfahrungsaustausches initiiert und ein Fokus auf eine Wissenschaftsorientierung gesetzt werden. „Es ist viel zu tun – Packen wir es an!“

Text und Fotos: Harald Fielenbach


Steinkauz

Schleiereulenküken




Todesfalle Kamin

23.02.2017

Vor allem während der Nestfindungsphase und zu Beginn der Brutzeit fallen jedes Jahr Waldkäuze in ungesicherte Kamine und bringen sich damit in akute Lebensgefahr.

Vermutlich untersuchen die Käuze die Öffnungen der Kamine auf ihre Eignung als Bruthöhle, da der Schornstein in seiner Bauweise einem hohlen Baum ähnelt.

Anders als in einem tatsächlichen hohlen Baum, in dem die Tiere entlang der Holzfasern und -risse teilweise einige Meter bis zum Grund und wieder zurück klettern können, bietet ein Kamin keinerlei Halte- oder Klettermöglichkeiten. Abgestürzte Käuze haben so keine Chance, ihrer Falle zu entkommen, und sterben in den meisten Fällen.

Sind Waldkäuze erst einmal in einem Kamin gefangen, versuchen sie natürlich, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Bei dem Versuch, die glatten Schachtwände nach oben zu klettern, verausgaben sie sich völlig und bleiben letztendlich verrußt auf dem Schachtboden hocken. Nicht selten kommt es vor, dass Käuze, die nicht sofort oder gar nicht rechtzeitig gefunden werden, sich die Krallen bis auf den Knochen abreiben.

Hausbesitzer oder Mieter sollten daher speziell zu Jahresbeginn auf ein kontinuierliches Rumoren „aus der Wand“ achten. Hört das Scharren und Kratzen über eine längere Zeit nicht auf, sollte der Kamin über die Reinigungsklappe kontrolliert werden, um eventuell verunglückte Käuze rechtzeitig befreien zu können.

Es empfiehlt sich außerdem, Kamine generell durch ein Gitter entsprechend zu sichern. Schornsteinfeger können hierzu Auskunft geben.




Eulen-Webcams 2017

22.02.2017




World Owl Conference 2017 in Portugal

09.02.2017

Vor zehn Jahren fand die letzte Welt-Eulen-Konferenz in Groningen/NL statt. Zur nächsten weltweiten Tagung treffen sich die Eulenforscher und Eulenfreunde in diesem Jahr vom

26. bis 30. September in Evora/Portugal.

Unser Mitglied Hein Bloom/USA und seine Frau Karla sind maßgeblich an der Organisation beteiligt und bitten darum, diesen Termin vorzumerken.

Präsentationen und Beiträge werden gerne noch angenommen.
Details finden Sie auf der Website und der facebook-Seite.

http://www.woc2017.uevora.pt/
https://www.facebook.com/World-Owl-Conference-2017-229110610867087/?fref=ts




Ankündigung: 33. Jahrestagung der

„Deutschen Arbeitsgemeinschaft zum Schutze der Eulen e.V.“

07.02.2017

Die diesjährige Jahrestagung der AG Eulen findet vom 20.-22. Oktober 2017 im Christian Jensen Kolleg in Breklum/Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein statt. Die Gemeinde Breklum liegt an der Bundesstraße 5 zwischen Husum und Niebüll. Bahnreisende erreichen Breklum über die Marschen­bahn Hamburg-Westerland und fahren bis zur Bahn­station Bredstedt. Für Über­nacht­ungs­gäste ist nach Anmeldung der Ankunftszeit beim Christian-Jensen Kolleg eine kosten­lose Abholung per Taxi-Service möglich.

Unterkünfte stehen im Tagungsgebäude zum Preis von 59,30 € im EZ und 50,30 im DZ pro Person/Nacht zur Verfügung. Gewünschte Unterkünfte bitte direkt im Christian Jensen Kolleg bis 20.August 2017 anmelden! (Tel: 04671-9112-0; Fax 04671-2584, E-Mail: info@christianjensenkolleg.de). Nicht reservierte Zimmer werden danach anderweitig vergeben.

Die Tagung beginnt am Freitagabend mit dem gewohnten AG Eulen-Stamm­tisch. Das Vortrags­programm findet am Samstag statt und endet am Abend mit der Mitglieder­versammlung, bei der entsprechend unserer Satzung wieder eine Vorstandswahl ansteht. Am Sonntagvormittag sind verschiedene Exkursionen zum Beispiel in den westlich von Breklum liegenden Beltringharder Koog und in ein Steinkauz-Revier bei Tellingstedt geplant. Die Organisation vor Ort hat Herr Armin Jeß übernommen.

Anmeldungen zur Tagung bitte mit vollständiger Adressenangabe bis spätestens 05.10.2017 an Armin Jeß, Kirchenweg 3, 25870 Oldenswort, Tel: 04864-2718849, E-Mail: jess.armin@gmx.de.

Vorträge und Poster mit Kurzfassung bitte bis 22.9.2017 an den Vorsitzenden Dr. Jochen Wiesner, Oßmaritzer Straße 13, D-07745 Jena, Tel. 03641-603334, E-Mail: jochen.wiesner@ageulen.de mitteilen.

Anmeldeformulare sowie weitere Hinweise zur Tagung können unter www.ageulen.de zu gegebener Zeit eingesehen bzw. heruntergeladen werden. Auch ein Online-Anmeldeformular wird wieder zur Verfügung stehen.

Anmeldeformular als pdf zum Versand per Post
Online-Anmeldung für eingeloggte Nutzer




Fotowettbewerb 2016

28.12.2016

Auf der diesjährigen Eulentagung im Kloster Schöntal wurde ein Fotowettbewerb ausgetragen. Dazu wurden 65 Fotos eingereicht.

Die Bilder wurden mit Nummern versehen (keine Namensnennung des Fotografen) und auf Stellwänden aufgehängt. 82 Tagungsteilnehmer bewerteten die Bilder, wobei jeder Teilnehmer drei Stimmen hatte und jedes Bild nur einmal gewählt werden durfte.

Die Preise für die Sieger wurden von Christ Media und Humanitas gestiftet.

Hier die Siegerfotos:

1. Preis: Perfekt getarnter Waldkauz in Baumhöhle von Christian Harms


2. Preis: Mit Beute anfliegendes Sperlingskauzweibchen von Christoph F. Robiller http://www.naturlichter.de


3. Preis: Waldohreule im Mondlicht von Dirk Unkelbach


4. Preis: Sumpfohreule mit ausgebreiteten Flügeln von Hero Appeldorn


5. Preis: Uhu-Wildfang von Christiane Geidel


6. Preis: Sumpfohreule von Lars Weiser




Warum sind Windkraftwerke auf topografisch erhöhten Standorten besonders gefährlich für Großvögel?

Vortrag zum 8. Internationalen Symposium vom 10.10. – 12.10.2014 in Halberstadt: „Populationsökologie von Greifvogel- und Eulenarten“

von Reimut Kayser



In den windschwachen Gebieten Süddeutschlands, insbesondere Baden-Württemberg und Bayern, war die Nutzung der Windenergie zur Stromerzeugung lange Zeit recht unattraktiv. Seit der Entwicklung größerer Windenergieanlagen (WEA) mit Naben­höhen von ca. 140 m und Rotordurchmessern zwischen ca. 100 – 120 m, mit Nennleistungen von meist 2,5 – 3 MW, insbesondere von speziellen Schwach­wind­kraft­werken wie der Nordex N-117 (2,4 MW) mit einem Rotor­durch­mes­ser von 117 m, lag Bayern 2012 im Zubau von WEA auf Rang 5 im bundesweiten Vergleich mit durchschnittlich 133,9 m Naben­höhe der 2012 erstellten WEA1). Abbildung (Abb.) 9 zeigt die Größenzunahme der WEA von 1990 – 2013 in Deutschland.

Abbildung 9. Quelle: „Windenergiereport Deutschland, 2013“, Fraunhofer IWES
Abbildung 9. Quelle: „Windenergiereport Deutschland, 2013“, Fraunhofer IWES

Abbildung 5. Quelle: „Windenergiereport Deutschland, 2013“, Fraunhofer IWES
Abbildung 5. Quelle: „Windenergiereport Deutschland, 2013“, Fraunhofer IWES

Abbildung 6. Quelle: Siegfried Heier „Nutzung der Windenergie“, Fraunhofer IRB, 2012
Abbildung 6. Quelle: Siegfried Heier „Nutzung der Windenergie“, Fraunhofer IRB, 2012

Um die großflächig geringe Windgeschwindigkeit (z. B. in Bayern) besser zu nutzen, werden von den WEA-Investoren sehr bevorzugt topografisch erhöhte Standorte ausgewählt: Hügel, Bergrücken, Hangoberkanten sowie Hochflächen, die an Talflanken von (Fluss-)Tälern anschließen. Dabei bewirkt bereits eine geringe Erhöhung der durchschnittlichen jährlichen Windgeschwindigkeit von z. B. sechs Metern pro Sekunde (6 m/s) (etwa in der Region München) auf 7 m/s (etwa in der Region Hamburg) fast eine Verdoppelung des Stromertrags, da die Leistung mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit ansteigt2). Die Zunahme der Windgeschwindigkeit mit der Höhe über Grund zeigen die Abb. 5 und 6, die daraus resultierende Standortwahl die Abb. 7 und 8; Abb. 8 zeigt einen typischen WEA-Standort im südlichen Bayern (Allgäu) auf einer bewaldeten Anhöhe. WEA in Waldrandnähe erzeugen zusätzliche Kollisionsgefahren für größere Vogelarten. Die dezentrale, weit gestreute Stromgewinnung geschieht in Süddeutschland somit verbrauchernah mit kurzen Leitungswegen. Die Notwendigkeit, „Windstrom“ aus dem Norden mittels monströser Überlandleitungen zu den Verbrauchern im Süden zu bringen, wird zumindest stark verringert. Gerade die sehr großen geplanten Fernstromleitungen werden jetzt schon heftigst bekämpft. Zudem bieten WEA-Projekte auch im Süden respektable finanzielle Anreize auch für kleinere mittelständische Unternehmen sowie Kapitalbeteiligungen für Kommunen und Bürger im Standortbereich. Diese „Wertschöpfung vor Ort“ erhöht die Akzeptanz bei Kommunalpolitikern und Bürgern im Umfeld der WEA-Projekte.

Abbildung 7. Quelle: „Windenergiereport Deutschland, 2013“, Fraunhofer IWES
Abbildung 7. Quelle: „Windenergiereport Deutschland, 2013“, Fraunhofer IWES

Abbildung 8. Typischer WEA-Standort in Bayern. Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung – 30. 12.2011
Abbildung 8. Typischer WEA-Standort in Bayern. Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung – 30. 12.2011

Der folgenden Darstellung liegen sehr viele gezielte Beobachtungen zugrunde zum Flugverhalten von Rot- und Schwarzmilan, vor allem seit 1974 aus den Landkreisen Dillingen/Donau und Donau-Ries (beide Lkr. im Reg.bez. Schwaben/Bayern), die zu den drei Regionen mit den höchsten Populationsdichten des Rotmilans in Bayern gehören (Ergebnisse der bundesweiten Rotmilan-Kartierung 2011/12 für Bayern: Ornithologische Fachtagung des bayerischen Landesamtes für Umwelt in Augsburg, Februar 2013). Mit zahlreichen Fachleuten aus Ornithologie und Naturschutz wurden meine Beobachtungen immer wieder diskutiert und bestätigt.

Abbildung 2.
Abbildung 2.

Abbildung 3.
Abbildung 3.

Für Großvögel, besonders für den Rotmilan, vergrößern aber die WEA-Standorte auf erhöhten (exponierten) Geländebereichen zusätzlich das schon grundsätzlich vorhandene Kollisionsrisiko mit WEA-Rotoren erheblich. Die Abb. 2 und 3 zeigen die Dimensionen und technischen Daten von WEA und die daraus resultierende grundsätzliche Gefährdung besonders für größere Vogelarten.

Abbildung 10.
Abbildung 10.

Abb. 10 zeigt die Entstehung des Auftriebs am Profil (Querschnitt) des Vogelflügels: Bei langsamem Flug hat der Stau auf der Unterseite den Hauptanteil an der tragenden Wirkung (z. B. durch Thermik, Hangwind). Je schneller die horizontale Luftströmung auf die Vorderkante des Profils wirkt, desto größer wird der Anteil des oberseits wirkenden Sogs am Auftrieb.

Abbildung 11.
Abbildung 11.

Schema des Thermiksegelns (n. JADOUL) am Bsp. des Schwarzstorchs:
Will der Vogel Energie sparend zu einem weit entfernten Nahrungsgebiet
gelangen (Distanzflug), kann er als Aufstiegshilfen für seine langen
Gleitflugstrecken
  a) Thermiksäulen oder/und
  b) Hangwinde
nutzen. Hügelketten oder lange Talflanken (in Flusstälern) werden daher
bevorzugt aufgesucht.  Auch die im Bild gezeigten Waldrandbereiche
können Aufwinde erzeugen.

Abbildung 12.
Abbildung 12.

Gerade die Suchflugjäger Rot- und Schwarzmilan bevorzugen Geländebereiche, die ihnen günstige Bedingungen für den notwendigen Energie sparenden Segelflug bieten:

  1. Geneigte Flächen erwärmen sich bei Sonneneinstrahlung stärker und erzeugen stärkere aufwärts gerichtete Warmluftströme (Thermik, Thermiksäulen) als über ebenen Flächen.
  2. Winde werden an Hängen nach oben abgelenkt. Es entstehen – auch bei bedecktem Himmel – Auftrieb erzeugende Hangwinde.
  3. Warum sind bereits flache und geringe Geländeerhebungen schon attraktive „Aufstiegshilfen“ für größere Vögel?
    • Die Hangwind- bzw. Aufwindsituation wirkt noch ein gutes Stück über die Geländeoberkante hinaus,
    • (stärkere) Thermik wirkt ohnehin in größere Höhen hinauf. In beiden Fällen genügt es, dann die höheren Luftschichten zu erreichen, wo auch die horizontale Anströmung des Flügels stark genug wird, um genügend Auftrieb über das Flügelprofil zu erzeugen (s. Abb. 12).
  4. Nicht nur für den Jagdflug vor Ort bieten Hangbereiche – übrigens weit über deren Höhenbegrenzung hinaus – hervorragende Bedingungen, sondern auch für „Transfer“-Flüge zu weit entfernten Zielen: Thermiksäulen dienen als stets genutzte „Aufstiegshilfe“ zum Höhengewinn im spiraligen Kreisflug für Großvögel, die dann wiederum Energie sparend im Gleitflug große Strecken überwinden. Z. B. der Schwarzstorch legt so Entfernungen über 15 km mittels mehrerer Thermiksäulen ohne Ruderflug-Strecken vom Brutplatz bis zum Nahrungshabitat zurück.
  5. Ähnlich Kraft sparend können Hügelketten oder Talflanken von (Fluss-)Tälern für Distanzflüge genutzt werden. Auch für Revier anzeigende Flüge und Balzflüge werden Thermik und Hangwind sehr häufig genutzt. Die gleiche Attraktivität von Geländeerhebungen für die Nutzung der Windenergie und die Flugaktivitäten von Großvögeln lässt sich treffend so zusammenfassen: Windkraftwerk-Betreiber und Großvögel haben dasselbe topografische Suchprogramm.

Abbildung 17.
Abbildung 17.

Abbildung 18.
Abbildung 18.

Abbildung 19. Quelle: Siegfried Heier „Nutzung der Windenergie“, Fraunhofer IRB, 2012
Abbildung 19. Quelle: Siegfried Heier „Nutzung der Windenergie“, Fraunhofer IRB, 2012

Besonders kollisionsträchtig sind daher einzelne WEA oder gar „Windparks“, z. B. an Oberkanten von Flusstälern, die quer zu den Hauptwindrichtungen aus dem westlichen Sektor verlaufen. Die von Süd nach Nord verlaufenden zahlreichen Flusstäler, die den Alpenraum in Süddeutschland bis zur Donau hin entwässern, sind besonders kritisch (Beispiel: Abb. 18). Zudem haben sie streckenweise hohe Attraktivität für süd(west)wärts ziehende Großvögel. Schon vor dem alpennäheren Bereich bietet die flussauf immer mehr vorherrschende Grünlandnutzung besonders gute Nahrungshabitate. Gerade (steilere) Hangbereiche werden meist nicht ackerbaulich genutzt, sondern als Wiesen. Dadurch ergeben sich längere Aufenthaltszeiten (vor allem im Spätsommer/Herbst) und erhöhte Flugaktivitäten in besonders kritischen Bereichen: WEA, die quer zur Hauptwindrichtung an der Taloberkante eines von Süd nach Nord strömenden Flusses aufgereiht sind (s. Abb. 19),

  • können in geringerem seitlichen Abstand zueinander gestellt werden (üblicherweise ca. das 3,5-Fache des Rotordurchmessers), wodurch die Lücken für den Durchflug relativ eng werden,
  • bieten Vögeln, die nun mal gerne und häufig über dem Hangkantenbereich segeln, in der Regel die größtmögliche Risikofläche an, da
    a) die Rotationsebene sich immer senkrecht zur jeweiligen Windrichtung einstellt,
    b) (Groß-)Vögel sich im (kreisenden) Segelflug gerne vom Wind seitlich verdriften lassen und damit bereits bei einer einzigen Flugroute für längere Zeit bzw. öfters in den Rotorbereich gelangen können.

Abbildung 3.
Abbildung 3.

Die zuletzt genannten Zusammenhänge werden durch folgende technische Daten noch deutlicher

  • Selbst bei einem langsam laufenden Schwachwindkraftwerk wie der Nordex N-117 beträgt die Zeit für einen heilen Durchflug, wenn er mittig zwischen zwei Rotorblättern stattfindet, bei minimaler bzw. maximaler Umdrehungszahl des Rotors 1,91 bzw. 0,75 Sekunden (ohne Berücksichtigung des zusätzlichen Risikos infolge von Turbulenzen im näheren Bereich der Rotorblätter). Dazu: siehe Abb. 3.
  • Der Risikobereich (vom Rotor überstrichene Kreisfläche) einer Nordex N-117 beträgt 1,071 Hektar [ha]. Bei einem Windpark mit acht Nordex N-117 ergibt sich dann eine Risikofläche von über 8,5 ha quer zur Windrichtung bzw. zur Flugrichtung.

Abbildung 13.
Abbildung 13.
  • Durch Stau des auftreffenden Windes an der Waldkante entsteht ein verdichtetes „Luftpolster“
  • dieses erzeugt bereits vor dem Hindernis des Waldrandes eine Aufwindzone, da höhere Luftströmungen über das Luftpolster hinwegstreichen müssen.
  • Aber auch in größerer Distanz vom Waldrand ins Bestandsinnere herrschen gute Aufwind- verhältnisse, da die stark abgebremste Luftschicht in der Baumwipfelebene (intensiv rot dargestellter Bereich) das Luftpolster auch noch weit nach hinten unterstützt. Im Grenzbereich Luftpolster/ darüber strömende Luftschichten sind die Turbulenzen besonders stark. Großvögel vermeiden diese durch Aufenthalt in ruhigeren Luftschichten, die etwa in 3-4-facher Baumhöhe erreicht werden. Somit gelangen sie leicht in die Risikozone auch großer WEA, wenn die Wipfelhöhe z. B. bei 25 – 30 m liegt.
  • Warum überfliegen Großvögel ausgedehntere Waldgebiete oft in relativ großen Höhen von häufig 100 – 200 m?
    Großvögel wollen v. a. größere Strecken (Distanzflüge) im Energie sparenden Segelflug zurücklegen:
    • Bei sonnigem Wetter wird das Prinzip des Thermiksegelns bevorzugt. Da über Waldgebieten die Entstehung von aufsteigender Warmluft (Thermik) gegenüber dem Offenland erheblich verringert ist, muss vom Vogel die Thermiknutzung über dem Offenland zum Aufstieg in höhere Luftschichten genutzt werden, so kann a) im Gleitflug (mit Höhenverlust) eine größere Strecke überwunden werden oder b) bei leichtem Wind dann in entsprechender Höhe die hier dann ausreichend schnelle Luftströmung für den Auftrieb über das Flügelprofil genutzt werden. Somit ist dann Energie sparender Segelflug auch ohne Höhenverlust möglich.
    • Bei bereits mäßigem Wind werden Geländeerhebungen oder/und Waldrandbereiche ebenfalls als Aufstiegshilfen in die Höhenschichten größerer Windgeschwindigkeit genutzt. Die schwarzen Pfeile in Waldrand-Nähe in Abb. 13 symbolisieren den Aufwind.
    • Bei stärkerem Wind wird eine größere Flughöhe auch aus anderen Gründen bevorzugt: Im Höhenbereich der Wipfelebene wird der Wind sehr stark abgebremst, der Geschwindig- keitsunterschied zur nächst höheren, darüber weggleitenden Luftströmungsschicht ist hier in einem bestimmten Grenzbereich (gleich oberhalb des roten Balkens) am größten. Folglich sind hier die größten Turbulenzen! Mit zunehmender Höhe nimmt der Unterschied (Gradient) der einzelnen Windgeschwindigkeiten zwischen den einzelnen geschichteten Luftströmungen immer mehr ab: Die Turbulenzen werden immer schwächer, die Strömung immer mehr laminar (blaue Pfeile). Daher vermeiden Großvögel vor allem für ihren Segelflug die niedrigeren Höhenbereiche mit Turbulenzen.
    Stark vereinfachte schematische Darstellung: Je intensiver die rote Schraffierung (oberhalb des roten Balkens), desto stärker ist die Turbulenz. Zunehmende Stärke der grünen Signatur stellt die Abnahme der Turbulenzen mit Übergang zur laminaren Strömung (blaue Pfeile) dar.
    Aus dem gleichen Grund – nicht nur wegen der höheren elektrischen Leistung in größerer Höhe – wollen WEA-Investoren größere Nabenhöhen gerade über Waldgebieten. Die hohe Rauigkeit der Wipfelebene erfordert einen relativ höheren Abstand der Nabe zu dieser als über „glatterem“ Offenland. (LINKE, 2008, mündlich, HEIER, 2012). Denn die starken Druckschwankungen (Sog und Druck) in den tieferen Luftströmungen belasten Material und Konstruktion in hohem Maße.
    Hier ist folgender Einwand naheliegend: Warum meiden Großvögel beim Aufstieg nahe vor/über dem Wald nicht die dortigen z. T. starken Turbulenzen, wenn sie andererseits bei (Distanz-)Flügen über den Wald hinweg auch schwächeren Turbulenzen nach oben ausweichen? Im ersten Fall überwiegen die Vorteile des Energie sparenden Aufstiegs bzw. Segelflugs im besonders günstigen Jagdhabitat Waldrand-Offenland bzw. die Erleichterung von Revier- und Balzflügen klar die Nachteile. Zudem kann stärkeren Turbulenzen auch etwas ausgewichen werden. Bei einem längeren Flug über den Wald hätte ein Vogel im Turbulenzbereich nur lang einwirkende Nachteile, aber in höheren, stärkeren Luftströmungen hat er nur Vorteile (Profilwirkung).

Auch die häufig gewählten WEA-Standorte im Bereich von Waldrändern erhöhen das Kollisionsrisiko für Großvögel erheblich:

  • Am Waldrand und im Kronenbereich dahinter staut sich die anströmende Luft und nachfolgende Strömungen müssen über dieses „Luftpolster“ hinweg nach oben gleiten. Dieser Effekt wirkt bis etwa zur dreifachen Höhe der Waldkante, bei z. B. 30 m Wipfelhöhe bis ca. 90 m - damit bis in den unteren Bereich auch sehr großer WEA (eigene Beobachtungen, G. HONOLD jun., mündlich, 2012). Dazu: siehe Abb. 13.
  • Großvögel benutzen gerne diese lokalen Aufwärtsströmungen für Balz- und Revierflüge, als Energie sparende Aufstiegsmöglichkeit für nachfolgende Distanzflüge und besonders gern für Kraft sparenden Segel-Suchflug: denn im Übergangsbereich Wald-Offenland sind meist auch die besten Nahrungshabitate.
  • Waldränder mit stark gekrümmten Linien (Einbuchtungen, Vorsprünge u. ä.) können aus sehr unterschiedlichen Windrichtungen Aufwinde erzeugen und haben daher besonders hohe Attraktivität für (jagende) Großvögel. Dazu: siehe Abb. 14, 15 und 16.

Abbildung 14.
Abbildung 14.

Abbildung 15.
Abbildung 15.

Legende zu den Abbildungen 14 und 15: Ausschnitt TK 1 : 25.000; Luftbild 1 : 12.500

  • Waldränder sind auch wegen der Grenze zwischen verschiedenen Lebensraum-Typen besonders ergiebige Nahrungshabitate insbesondere für Greifvögel. Bläst der Wind auf die Waldkante, dann fallen günstige Bedingungen für den Segelflug und für das Nahrungsangebot zusammen: besonders hohe Attraktivität für Suchflugjäger wie Milane.
  • Die Bereiche ca. 50 – 70 m vor und nach dem Waldrand sind daher besonders kritische WEA-Standorte.
    Die Anziehungskraft von Waldrandbereichen wird noch erheblich gesteigert, wenn die Waldränder starke Richtungsänderungen in Form von Einbuchtungen, schmalen Vorsprüngen u. ä. aufweisen, dadurch wird
  • der als Nahrungshabitat (Jagdgebiet) besonders ergiebige Grenzbereich Wald/Offenland wesentlich länger und
  • Wind aus sehr unterschiedlichen Richtungen führt zu sehr günstigen Bedingungen für Suchflugjäger. Auch als Horststandorte sind vielgestaltige Waldränder besonders bevorzugt.
  • Wichtig ist noch folgende Beobachtung: Auch Ansitzjäger wie Mäuse-bussarde benutzen bei ihren besonders ausgiebigen Revier- und Balzflügen gern Waldränder oder/und Hangbereiche als Aufstiegshilfen, ähnlich auch Wespenbussarde. Baumfalken jagen im Waldrandbereich, vor allem um den Horst, besonders häufig und ausgiebig auf Insekten, sie gelangen dabei in alle Höhenbereiche bis ca. 250 m und damit auch in den Risikobereich von WEA-Rotoren. Die vielen Hin- und Herbewegungen beim Insektenjagdflug erhöhen das Kollisionsrisiko.

Abbildung 16.
Abbildung 16.

Zukunftsaspekt:

Die stetig weiter zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft verschlechtert die Nahrungsbedingungen gerade für Suchflugjäger wie Milane und Weihen immer gravierender: Einerseits geht die Zahl der Beutetiere durch Verlust von Grünland, Hecken und Feldrainen zurück. Andererseits wird die Erreichbarkeit der Nahrung immer mehr erschwert durch Zunahme der Flächen mit hochwachsenden Kulturpflanzen, insbesondere von „Energiepflanzen“ wie Mais und Raps. Gerade zur Zeit des höchsten Nahrungsbedarfs für eine Rotmilan-Familie ab Ende Mai bis Ende Juli sind große Landschaftsteile für den Nahrungserwerb gleichsam versiegelt. Die Bilanz zwischen Energieverbrauch beim Jagdflug und Energiegewinn bei der Nahrungsaufnahme wird immer kritischer, je weiter bzw. zeitlich länger die Suchflüge werden müssen. In der Folge werden Geländeerhebungen und Waldränder noch wichtiger und attraktiver wegen ihrer günstigen Bedingungen für den Energie sparenden Segelflug.

FAZIT:

Der landwirtschaftliche Strukturwandel, ohnehin ein entscheidender Faktor für den Rückgang der Rotmilanpopulation, nimmt zusammen mit dem weiteren Ausbau der Windkraft Milane u. a. größere Vögel gleichsam „in die Zange“. Dabei ist das Problem noch ziemlich im Anfangsstadium: Ende 2013 waren „onshore“ 24.008 WEA mit 33.658 MW Gesamtleistung in Deutschland im Betrieb3). Nach Vorgaben der Bundesregierung (u. a. BMU, 2012) sollen bis 2050 ca. 78.500 MW Nennleistung durch WEA an Land (insgesamt „on- und offshore“ ca. 85.000 MW) installiert werden.

Dillingen, Dezember 2014
Reimut Kayser



Nachtrag der Redaktion:

Die in Abbildung 13 dargestellte Form der Windströmung nennt sich Logarithmisches Windprofil. Der mathematische Hintergrund dazu ist bei Wikipedia dargestellt.




Schleiereulenmonitoring des LfU Bayern

07.11.2016

In Bayern erfolgt derzeit die Implementierung des Monitoringprogramms der seltenen Brutvögel (kurz: MsB). In diesen sollen alle Arten „abdeckt“ werden, welche nicht durch das bekannte Programm des Monitorings häufiger Brutvögel (MhB), aufgrund von zum Beispiel Seltenheit oder spezieller Lebensraumansprüche, erfasst werden können. Auch die Schleiereule gehört zu diesen Arten.

In einem ersten Schritt versucht nun das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) alle brutrelevanten Daten Bayerns zusammenzustellen, um einen Überblick hinsichtlich der Entwicklung des Bestandes und Verbreitung aus allen Regionen zu erhalten. Die Daten sollen gesammelt und allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden, sodass die eigenen Daten einer bestimmten Region besser interpretiert und eingeordnet werden können.

In einem zweiten Schritt sollen aus den zusammengestellten Daten bestimmte Projektgebiete (z.B. Landkreise) in verschiedenen Regierungsbezirken Bayerns ausgewählt werden, in denen ein dauerhaftes jährliches Schleiereulen-Monitoring eingerichtet werden soll. Diese sind zum jetzigen Stand noch völlig offen.

Aktuell erfolgt die Zusammenstellung der brutrelevanten Daten, wobei wir auf Ihre Mithilfe angewiesen sind. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Ihre Daten zur Verfügung stellen könnten. (Natürlich kann dies auch über einen Datenankauf abgewickelt werden.)

Kontakt: Sebastian Biele (LfU Bayern)




Waldkauz (Strix aluco) – Bericht über die Aktivitäten der Groupe Broyard de Recherches Ornithologiques 2015

Chouette hulotte (Strix aluco) – Rapport d’activité 2015 du Groupe Broyard de Recherches Ornithologiques

03.11.2016

Bericht in französischer Sprache

Zuletzt geändert: 2017/02/26 19:31
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