Aus dem Alltag der Eulenforscher

Aus dem Alltag der Eulenforscher

Streunende Hauskatze bedroht brütenden Uhu

Christian Harms, Freiburg

Vom Verursacher der Bedrohung ist in der Videoaufzeichnung zunächst nichts zu sehen. Etwas im Blickfeld des brütenden Uhuweibchens zieht dessen Aufmerksamkeit auf sich. Mit der gleichförmigen aber stets wachsamen Ruhe des Brutgeschäfts ist es schnell vorbei: die Irritation des Weibchens nimmt erkennbar zu, schließlich steigt sie aus der Nestmulde und spreizt die Flügel maximal zum imposanten Rad. Die eindrucksvolle Demonstration in Übergröße soll einen Angreifer einschüchtern, der sich in bedrohlicher Weise dem brütenden Uhuweibchen genähert hat. Um die abschreckende Wirkung der Drohhaltung zu unterstreichen, wiegt sich das Weibchen von einem Bein aufs andere, stets die volle Frontalseite dem Angreifer präsentierend und vermutlich unterstützt durch warnendes Schnabelknappen. Als auch das noch immer nicht den erwünschten Abwehrerfolg erzielt, prescht das Weibchen blitzartig zu einer Flugattacke gegen die akute Bedrohung vor, unter heftiger Staubaufwirbelung – eine eindrucksvolle Demonstration von geballter Abwehrkraft mit hohem Überraschungseffekt. Die Kamera, fokussiert auf den Nahbereich des Brutplatzes, hat den Angreifer bislang gar nicht erfasst.

Etwa 45 Sekunden später taucht an der Böschung links neben dem Brutplatz eine Hauskatze in getigerter Fellstruktur auf, kurz darauf gefolgt vom Uhuweibchen, das wenig mehr als einen Meter von der Katze entfernt an der Böschung landet und wiederum seine flügelspreizende Droh- und Abwehrhaltung einnimmt. Die Katze zieht sich offensichtlich in eine geschützte Position am Fuß der Lösswand zurück. Etliche Minuten lang standen sich Katze und Uhu in Konfrontation gegenüber, mal mehr, mal weniger angespannt, bevor das Uhuweibchen schließlich zum Brutplatz zurückkehrte und sich wieder auf den Eiern niederließ. Zwischen der ersten Irritation des Weibchens bis zur Wiederaufnahme des Brutgeschäfts vergingen knapp 20 Minuten. So weit das Live-Video einer erfolgreich abgewehrten Attacke eines unvermuteten Beutegreifers.

In der Literatur finden sich Hinweise auf einige „typische Kandidaten“, die als mögliche Uhu-Prädatoren verschiedentlich in Betracht gezogen wurden (z.B. Görner 2016). Die Liste umfasst - wenig überraschend – Beutegreifer wie Fuchs, Dachs, Marder, Marderhund und Waschbär sowie Wildschweine – alle durchaus plausibel. Andere, obschon ebenso plausibel, blieben bislang in der Literatur unerwähnt: Wildkatze, streunende Hunde und Hauskatzen, Wolf, Luchs, Steinadler, um nur einige weitere mögliche Kandidaten zu nennen. Für die genannten Wildtierarten mag gelten, dass ihre relative Seltenheit und spärliche Verbreitung einen regelmäßigen konfrontativen Kontakt mit dem ebenfalls nicht übermäßig häufigen Uhu eher unwahrscheinlich machen. Hingegen wurden die beiden Haustierarten als mögliche Bedrohung des Uhus schlicht übersehen.

Sucht man nach klar belegten Beispielen von Prädationsattacken auf den Uhu, fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Verwundern muss das nicht: solche Vorkommnisse ereignen sich vornehmlich im Dunkel der Nacht und entziehen sich somit der Beobachtung. Es wäre reiner Zufall, wenn die Beobachtung einer Prädationsattacke gelänge und auch noch beweiskräftig dokumentiert werden könnte. Es sei denn, ja, es sei denn, man legt sich systematisch auf die Lauer und stellt potenziellen Tätern eine Falle – in Form einer Infrarotkamera, die - bewegungsgesteuert oder kontinuierlich aufzeichnend – auch seltene nächtliche Aktionen im Bild festhalten kann. Genau das war meine Zielsetzung, als ich für dieses Projekt zwei alternative Uhubrutplätze mit IR-Video- und Überwachungskameras ausstattete. Die Vorgeschichte in diesem Revier ließ vermuten, dass hier wiederholt Uhubruten zerstört und Nestlinge durch Prädation ums Leben gekommen waren – Details dazu bei Harms & Lühl (2017) und Harms (2018b).

Insgesamt wurden in diesem Revier an dem für die Brut gewählten Platz während der Brutzeit 2018 fünf Besuche von potenziell lebensbedrohlichen Beutegreifern mithilfe der IR-Videokamera erfasst (Harms 2018a). Bei den Angreifern handelte es sich um Dachs (2x), Fuchs, Hauskatze sowie einen weiteren, nur außerhalb des Kamerablickfeldes operierenden und daher nicht identifizierten Besucher, der nichtsdestotrotz eine heftige Abwehrreaktion des Uhus auslöste. Im Bereich der von mir observierten Uhupopulation im Raum Freiburg konnten mithilfe von Überwachungskameras zusätzlich noch Kolkraben, Rabenkrähen, Steinmarder, Wildkatzen und Wildschweine als potenziell uhu-gefährliche Besucher in unmittelbarer Nähe von Uhubrutplätzen identifiziert werden, wobei diese Besuche überwiegend nicht in Gegenwart des Uhus stattfanden. Diese Aufnahmen belegen damit zunächst einmal nur, dass diese Plätze für die betreffenden Räuber erreichbar sind und auch aufgesucht werden. Bedauerlicherweise (aus Sicht des Naturschutzes) wurden an einem relativ leicht zugänglichen Platz auch wiederholt menschliche Besucher als Störer des Brutgeschehens von meinen Überwachungskameras erfasst (Harms 2015).

Erfreulich, aus der Sicht des Uhus, war in der hier vorgestellten Untersuchung (Harms 2018a), dass alle Besucher durch die beherzte Abwehrreaktion des Uhuweibchens gestoppt werden konnten und in die Flucht geschlagen wurden. Und offensichtlich hat die kraftvolle Abwehr einen bleibenden Eindruck bei den Angreifern hinterlassen, denn für den Rest der Brutzeit wurden keine weiteren Besuche dieser potenziell gefährlichen Beutegreifer an diesem Brutplatz registriert – in Abwägung des eigenen Risikos ist ihnen der Appetit auf eine vermeintlich leichte Mahlzeit anscheinend vergangen. Mehrfach bis gegen Ende der Jugendzeit (zuletzt Mitte August) wurden zwei voll flugfähige Junguhus im Umfeld dieses Brutplatzes putzmunter angetroffen. Damit haben sie offensichtlich die Bedrohungen und Fährnisse der Nestlings- und Jugendperiode wohlbehalten überstanden, nicht zuletzt dank des mutigen Einsatzes des Uhuweibchens. Für dieses Revierpaar ist damit 2018 nach zwei komplett verlustreichen Brutversuchen (2015 und 2016) und einem Jahr ohne Brut 2017 (Harms 2018b) erstmals eine Brutsaison erfolgreich verlaufen.

Ungeachtet dieser dokumentierten Befunde aus dem Jahr 2018 an diesem einen Brutplatz mit ihrem insgesamt „glücklichen“ Verlauf darf man realistischerweise nicht davon ausgehen, dass alle Attacken von Beutegreifern immer so glimpflich verlaufen wie in diesem präsentierten Beispiel. Unsere aufwendige und intensive Überwachung von etwa einem Dutzend Uhubrutpaaren im Raum Freiburg hat wiederholt plötzliche Verluste von Nestlingen und Junguhus erbracht, die kaum anders als durch Prädation zu erklären waren (Harms & Lühl 2017, Harms 2018b). Wie sich gezeigt hat, finden solche Prädationsereignisse zumeist im Dunkel der Nacht statt. Die Chancen der Erfassung von Prädationsattacken im Rahmen der üblichen Kontrollbesuche sind minimal. Nur durch den konsequenten Einsatz von IR-Video- und Überwachungskameras kann es gelingen, die Täter auf frischer Tat dingfest zu machen. Kürzlich konnten wir außerdem nachweisen, dass der vermeintlich dominante Uhu im Konkurrenzkampf um attraktive Brutplätze keineswegs immer die Oberhand behält: eines unserer Revierpaare wurde von Gänsesägern (Mergus merganser) aus seiner mehrjährig erfolgreich genutzten Bruthöhle verdrängt und musste auf einen geringerwertigen alternativen Brutplatz ausweichen (Harms et al. 2019).

Dass Fuchs und Dachs unter den bedrohlichen Besuchern waren, konnte nicht überraschen, da sich mehrere Eingangsröhren zu Fuchs- bzw. Dachsbauten in unmittelbarer Nachbarschaft dieses Uhubrutplatzes befinden. Zudem waren Fuchs und Dachs mehrfach von den Fotofallen erfasst worden. Hingegen waren streunende Hauskatzen zwar ebenfalls mehrfach ins Blickfeld meiner Überwachungskameras geraten, mit einer konfrontativen Bedrohungssituation, wie sie in dem Videoclip festgehalten ist, hatte ich jedoch nicht gerechnet. Die zeitliche wie auch örtliche Häufigkeit, mit der streunende Hauskatzen von den Kameras erfasst werden, zeigen allerdings, dass wir es hier mit einem Beutegreifer zu tun haben, dessen negative Auswirkungen in seinem Streifgebiet möglicherweise erheblich unterschätzt werden. Jüngst wurden in einer amerikanischen Studie sehr hohe Verluste unter Vögeln und Kleinsäugerarten ermittelt, die auf das Konto verwilderter bzw. streunender Hauskatzen gehen (Loss et al. 2013). Über die Auswirkungen streunender Hauskatzen sowie Hunden in unseren Landschaften gibt es episodische Berichte, aber noch keine systematischen Untersuchungen.

Hinweise auf weitergehende Informationen und Publikationen:

Görner M (2016): Zur Ökologie des Uhus (Bubo bubo) in Thüringen - Eine Langzeitstudie. Acta ornithoecoligica 8, 151-320

Harms C (2015): Lust und Frust beim Arbeiten mit Überwachungskameras an Uhubrutplätzen - ein Erfahrungsbericht. In: Rau F, Lühl R & Becht J (Hrsg.): 50 Jahre Schutz von Fels und Falken. Ornithologische Jahreshefte Baden-Württemberg 31 (Sonderband): 227 - 238

Harms C & Lühl R (2017): Hohe Verluste bei Uhubruten im Raum Freiburg - Vergleich mit erfolgreichen Brutplätzen. Eulen-Rundblick 67: 11 - 19

Harms C (2018a):Brütendes Uhuweibchen (Bubo bubo) wehrt Angriffe verschiedener Prädatoren ab. Ornithologische Mitteilungen 70: 139 – 152

Harms C (2018b): 2017 erneut hohe Verluste bei Uhubruten im Raum Freiburg. Eulen-Rundblick 68: 15-20

HarmsC, Hipp J & Hilfinger S (2019): Gänsesäger (Mergus merganser) verdrängen Uhu (Bubo bubo) in Konkurrenz um Bruthöhle am Kaiserstuhl. Ornithologische Mitteilungen 70 (im Druck)

Loss SR, Will T & Marra PP (2013): The impact of free-ranging domestic cats on wildlife of the United States. Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms2380

Die genannten und weitere meiner Publikationen über Untersuchungen zum Uhu sind abrufbar unter www.researchgate.net/profile/Christian_Harms2/research .

Die Videos der Beutegreiferbesuche (sowie weitere von der Videoüberwachung an mehreren Uhubrutplätzen) sind einsehbar auf meinem YouTube-Kanal „cth-ornitho“.

Kontakt: Christian Harms (cth-frbg@go4more.de)

Freiburg, 16.2.2019




Rezension:

Die Zwergohreule in Österreich

MALLE G & PROBST R 2015: Die Zwergohreule (Otus scops) in Österreich. – Bestand, Ökologie und Schutz in Zentraleuropa unter besonderer Berücksichtigung der Kärntner Artenschutzprojekte. – Verlag Naturwiss. Verein für Kärnten/Klagenfurt; Sonderheft Nr. 65: 288 Seiten; 145 Abbildungen (Farbfotos, Video-Protokolle, Graphiken, Zeichnungen und Karten), 25 Tabellen und Anhang.

Der Titel ist ein glattes understatement, denn diese Schrift kann durchaus als detailreiche Monografie der Zwergohreule in Mitteleuropa bezeichnet werden, mit umfassender Einarbeitung historischer und aktueller Literatur und einem beeindruckenden Bericht über die bisherigen Artenschutzmaßnahmen im südlichsten Bundesland Österreichs im Anschluss.

Drei allgemeine Kapitel reichen von der Artbeschreibung (inklusive Nestlings- und Jugendgefieder, Mauser und Lautäußerungen) und einem Vergleich der Zwergohreule innerhalb der 53 Arten der Gattung Otus zu einer breiten Beschreibung der Lebensräume in den Kulturlandschaften Mittel-, Ost und Südeuropas, mit Vergleichen von Brut- und Überwinterungsgebieten.

Die acht folgenden Abschnitte konzentrieren sich auf den großräumigen Bestandsrückgang der Zwergohreule in Österreich seit Mitte des 20. Jhdts. und die heutigen Restvorkommen in den Bundesländern Burgenland, Steiermark und Kärnten. Im Rahmen der Bestandserhebung wurden zur individuellen Erfassung Sonagramme aller singenden Männchen herangezogen. In Kärnten wurden seit 1998, dem Beginn des Artenschutzprojekts, 644 Nistkästen angeboten, seit 2004 kamen 60 Nistkästen im Burgenland dazu. In diesem Zeitraum wurden 358 Nestlinge und 6 Weibchen beringt (z. T. mit Transpondern zur automati schen Ablesung am Nistkasten-Flugloch). Der Bruterfolg war mit 3,28 flüggen Jungeulen pro begonnener Brut überdurchschnittlich hoch. Zumindest für die Nestlingszeit konnte die Beuteliste mit Hilfe von Infrarot-Kameras in den Nistkästen protokolliert werden. Die Beutewahl wurde mit der aktuellen Verbreitung der Hauptbeutetiere (vornehmlich große Heuschrecken) verglichen.

Beeindruckend sind die Ausführungen zu den örtlichen Schutzmaßnahmen, wo es mit bewundernswertem Engagement nicht nur gelang zahlreiche Nisthilfen auf Privatgrundstücken zu montieren, zugleich die Akzeptanz für das nächtliche „Getute“ zu festigen, sondern auch zur Pflege und Wiederbegründung von blütenreichen Wiesen und Heckenlandschaften zu ermuntern. Mit der Bereitstellung hunderter Obstbäume von bodenständigen Sorten zur Sicherung und Wiederbegründung von Streuobstbeständen festigt das Projekt auch die landschaftliche Eigenart, zu der die Zwergohreule seit Jahrhunderten zählt, und geht damit weit über reine Artenschutzmaßnahmen hinaus.

Dieses reichhaltig illustrierte und sehr ansprechend gestaltete Buch ist wegen seiner Themenvielfalt und ausführlichen Darstellung jedem an Biologie, Ökologie und Artensicherung Interessierten zu empfehlen, auch abseits aller „Strigologie“.

W. Scherzinger




Bruterfolg der Eulen in Dresden 2018

Nach dem für die Dresdner Eulen überaus erfolgreichen Brutjahr 2017 hatten wir schon mit einem deutlichen Rückgang gerechnet. Schließlich ist ja bekannt, dass die Bruterfolge der Beutegreifer mit der Gradation und Degradation der Mäusepopulatio­nen korreliert. Möglicherweise setzte die trockene Kälte im März den Mäusen aber zusätzlich zu. Der Einbruch der Reproduktionsrate bei den Waldkäuzen war dieses Jahr besonders extrem.

1.Waldkauz

Die Balz der Waldkäuze Anfang des Jahres verlief völlig normal. Die meis­ten der bekannten Reviere waren be­setzt. Bei unserer jährlichen Kontrolle im Großen Garten fanden wir im Janu­ar nicht nur alle acht Reviere besetzt, sondern auch noch „überschüssige“ Vögel. Noch bis März nahmen wir an, dass um die Junge Garde und im Bo­tanischen Garten zusätzliche Paare ein Revier begründet hatten. Doch wir forschten bis Ende April vergeblich nach Ästlingen im Großen Garten. Erst am 28.04. fand Frau Böttinger an der Zoowiese (R VII) und an der Südallee in einer bisher völlig unbekannten Höh­le (R VI, Abb.1) Waldkauznachwuchs. Es waren je vier Jungvögel am Aus­fliegen, von denen sieben auch durch­kamen. Leider fanden wir trotz zahllo­ser Kontrollgänge keine weiteren Bru­ten!

Abb.1: Waldkauz-Nestling im Großen Garten (N.Kunschke, 10.05.2018)

Auch im übrigen Stadtgebiet sah es nicht anders aus. Die meisten der kon­trollierten Waldkauzreviere (183) wa­ren besetzt, aber wir konnten kaum Nachwuchs entdecken. Während wir 2017 einen Rekord von 82 Brutnachweisen registrierten (gegenüber dem Bericht 2017 erhöhte sich die Anzahl durch Nachmeldungen im Rahmen der laufenden Brutvogelkartierung noch um sechs), kamen wir 2018 trotz inten­siver Suche nur auf zehn Bruten. Da­bei entfielen auf die Dresdner Heide mit 60 Revieren auch nur drei. Ganz auffällig war, dass im Stadtgebiet in der Balzzeit an mindestens zehn Or­ten, an denen bislang kein Revier fest­gemacht werden konnte, und auch in jahrelang nicht besetzten Revieren Waldkäuze balzten (Gruna, Strehlen, Mockritz, Johannstadt, Pirnaische Vor­stadt, Prohlis, Leubnitz-Neuostra, Striesen, Plauen).

Abb.2: Waldkauz-Tageseinstand in Leutewitz (K.Fabian, 14.09.2018)

Möglicherweise hat­te der besonders gute Bruterfolg 2017 dazu geführt.

Abb.3: Waldohreulen-Ästling in Meußlitz (K.Fabian, 26.05.2018)

2.Waldohreule

Die Zahl der im Stadtgebiet entdeckten Brutenlag bei 25. Das ist zwar auch deutlich weniger als 42 Brutnachweise im Rekordjahr 2017, entspricht aber dem Mittel über viele Jahre. Es ist das erste mal, dass es mehr Waldohreulenbruten gab als Wald­kauzbruten!

Die erste Brut wurde wie bei den Waldkäuzen auch viel später gefunden als in anderen Jahren nämlich erst En­de Mai. Schwerpunkte der Ästlingsfun­de waren wieder die Verbreitungs­ Cluster Zschieren-Kleinzschachwitz-Meußlitz und Cossebaude-Gohlis.

Überraschungen gab es mit Brutnach­weisen in Gittersee, Pieschen, Tra­chenberge und Oberloschwitz. In der Dresdner Heide wurden wiederum gar keine Bruten entdeckt.

Es gab aber auch Orte, an denen im Februar/März Balzrufe zu hören waren, aber leider im Juni/Juli keine Ästlinge bettelten (unterschiedliche Stellen in Laubegast: Lehnert, Fabian, Pürschel; Gruna: Haufe; Bühlau am Heiderand: Stutzriemer).

Auch im Winter 2017/2018 vor der Brutsaison fanden wir vier Sammel­schlaf­plätze im Stadtgebiet von Dresden: in Zschieren, in Leubnitz-Neuostra, in Weixdorf und in Schullwitz. Durch gemeinsame Abflug-Zählungen in der Dämmerstunde ermittelten wir maximal elf, sechs, fünf bzw. zehn Eulen. Das ist wenig gegenüber den Ansamm­lungen in früheren Jahren. Es gab aber auch den ganzen Winter über Tageseinstän­de mit nur einer oder auch zwei Vögeln (Johannstadt, Bühlau). Möglicherweise korrelliert die Zahl der gemeinsam übertagenden Eulen mit der „Strenge“ des Winters (Schneemenge, Kälte).

3.Sperlingskauz

Der Bestand des Sperlingskauzes in der Dresdner Heide ist konstant geblieben. Die durch Andreas Knoll organisierten Synchronbegehungen ergaben zur Herbstbalz 2017 ca. 20 besetzte Reviere und zur Frühjahrsbalz 2018 noch sieben. Die Suche nach Brutplätzen dieser kleinen Eule ist aufwendig und blieb auch dieses Jahr auf einige wenige Reviere beschränkt. Wir fanden insgesamt drei besetzte Bruthöhlen. Im Steingründchen flogen drei Junge aus (die Reste zweier weiterer Nestlinge fan­den sich als Rupfung unter der Höhle; Brutkannibalismus) und an Schneise 5 konnte nur ein Ästling festgestellt werden. Am Reichsapfel konnte leider zur Ästlingszeit nicht mehr kontrolliert werden.

4.Weitere Eulen

Ein Rauhfußkauz wurde jeweils nur einmal an unterschiedlichen Stellen in der Dresdner Heide an der Alten Acht im Frühjahr verhört. Alle späteren Kontrollen blie­ben erfolglos.

Obwohl Schleiereulen westlich von Dresden im Kreis Meißen wieder erfolgreich wa­ren, wurde in Dresden auch 2018 keine Brut entdeckt. Im April 2018 wurde aber ihr Kreischen mehrere Nächte am Stresemannplatz in Striesen verhört (Düsterhöft).

Eine Sumpfohreule konnte F. Grunicke am 04.05.2018 an der Elbe im Ostragehege beobachten.

Abb.4 : Uhu als Nahrungsgast in Lockwitz (Thieme, 13.12.2013)

Der Uhu war ganz bestimmt auch die­ses Jahr hin und wieder als Nahrungs­gast im Stadtgebiet. Im November 2017 wurde bei Baumpflegearbeiten ein von Krähen gehasstes Exemplar im Großen Garten gesehen (Information über F. Bittrich) und ein großes Uhu­gewölle fand sich im Frühjahr nahe dem Zoo am Kaitzbach.

Am 20.01.2018 wurde in den frühen Morgenstunden ein Uhu auf der Müll­Deponie, Fa. AMAND in Lockwitz bei der Jagd auf Tauben in der Sortierhalle gesehen. Es war dort nicht der erste Besuch (vgl. Abb.4).

5.Steinkauz

Es laufen in Dresden weiter Bemühungen, die Wiederansiedlung des Steinkauzes, dessen Vorkommen auf dem Gebiet der neuen Bundesländer völlig erloschen waren, zu befördern. Seit 2017 läuft das EU-Projekt „Athene“ am Umweltzentrum Dresden, das sich vorrangig mit der Habitats-Analyse und -Verbesserung im Elbtal vom Elb­sandsteingebirge bis Dresden befasst. Dabei wird auf Neubesiedlung durch Einwan­derung der Art aus Tschechien gesetzt.

Im Stadtgebiet von Dresden sind wir seit 2016 - unterstützt durch die UNB und in Ab­sprache mit dem SMULG - dabei, die Wiederansiedlung durch Auswilderung zu be­fördern. Es erfolgten zunächst die Bewertung der möglichen Habitate und die An­bringung von Brutröhren in den vorgesehenen Streuobstwiesen durch die UNB. Als Projekt-Koordinator engagiert sich Rajko Dankhoff. Die Züchter um Herrn Zimmer hatten 2018 wieder mit 15 Jungtieren einen guten Bruterfolg. Es wurde aber be­schlossen, noch nicht auszuwildern, sonder zunächst den Züchterpool zu erweitern. 2018 wurden außerdem Kontakte zu Auswilderungs-Projekten in Brandenburg, Sach­sen-Anhalt, Sachsen und Thüringen geknüpft mit dem Ziel, Erfahrungen bei der Auswilderung zu übernehmen und Zuchttiere auszutauschen. Eine Wiederansiedlung allein durch Zuwanderung gelang zwar im Thüringer Grabfeld, ist aber für Sachsen eher unwahrscheinlich, da auch die polnischen Vorkommen nahezu erloschen sind.

Ich danke allen „Eulen-Helfern“ der Stadt für die Übermittlung von Beobachtungen und der UNB und dem KNB für die gute Zusammenarbeit

Dresden, den 01.11.2018
Dr. rer.nat. Klaus Fabian




Windkraft und Vögel

Wie ARTE versucht Fake-News mit Fake-News zu bekämpfen

„Data Science vs. fake“

Der TV-Sender ARTE hat sich zum Ziel gesetzt, „fake news“ zu bekämpfen, also die Verbreitung von falschen Informationen, wie sie v.a. in den „Sozialen Netzwerken“ zu finden sind. Dazu produziert ARTE 3-Minuten Filme, die Irrtümern entgegenwirken sollen. Die Absicht ist lobenswert; die Umsetzung jedoch leider misslungen.

Ein Beispiel ist ein Kurzfilm zur Frage, ob Windräder zu einem „vermehrten Vogelsterben“ führen (eine verunglückte Übersetzung von „surmortalité des oiseaux“). Es gibt zahlreiche Studien die differenziert belegen, welche Vogelarten durch Anflug an Windräder betroffen sind, teils bis zur Bestandsgefährdung (z.B. Thelander & Smallwood 2007, Smallwood & Thelander 2008, Schaub 2012, Bellebaum et al. 2013). So gibt die Datei der Vogelschutzwarte Brandenburg (Dürr 2018) mit >3.500 dokumentierten Todesfällen allein aus Deutschland (plus >10.000 aus anderen Ländern) und die kritische Quellen-Sammlung zu Windradopfern (Langgemach & Dürr 2018) wichtige Einblicke und Grundlagen für weitere Recherchen.

Es gibt also seriöse Informationsquellen zum Thema Windkraft und Vögel, die über das Internet zugänglich sind. ARTEs Autoren ignorieren all dies und konstruieren ihren Film um eine einzige Datensammlung aus Frankreich (LPO 2017), die zudem teilweise falsch oder unvollständig zitiert wird. So wird verschwiegen, dass der gefährdete Rötelfalke eine im Vergleich zum Bestand (Issa & Muller 2015: 332 Brutpaare) kritisch hohe Zahl von Windradopfern verzeichnet (23, lt. LPO 2017). Auch der Steinadler wurde in einer Studie als Opfer nachgewiesen (Itty & Duriez 2018); in der Liste der LPO fehlt die Art.

Die Datenbasis der LPO-Studie mit nur 1.102 registrierten Windkraftopfern aus fast 20 Jahren (1997-2014; nicht aus einem Jahr, wie ARTE behauptet) ist sehr inhomogen und genügt insgesamt wohl kaum wissenschaftlichen Ansprüchen. ARTE scheint dies nicht zu stören.

ARTEs Fazit: ein „vermehrtes Vogelsterben“ durch Windkraft gebe es nicht.

Unser Fazit: von einer seriösen Recherche kann bei diesem Film keine Rede sein. Eine differenzierte Beurteilung der Problematik versucht ARTE gar nicht erst. ARTE bedient sich dabei genau jener Methoden, die für „fake news“ typisch sind:

  • Keine umfassende Recherche: nur eine einzige Informationsquelle wird berücksichtigt
  • Keine Quellenkritik: diese Quelle wird nicht kritisch analysiert, Fachleute nicht konsultiert
  • Selektive Nutzung von Zahlen: aus dieser Quelle werden einzelne Zahlen und Behauptungen herausgegriffen und nicht immer korrekt zitiert
  • Vergleich von nicht vergleichbaren Tatbeständen: die Zahlen der Windkraftopfer werden relativiert durch Zahlen von Anflugopfer an Glasscheiben in den USA - was dies für gefährdete Vogelarten bedeutet bleibt unklar
  • Grobe Vereinfachung statt intelligenter Analyse: statt einer differenzierten Schlussfolgerung wird eine oberflächliche Phrase als unbezweifelbare „wissenschaftliche Tatsache“ hingestellt.

Der Film gegen „fake news“ wird damit selbst zu „fake news“. Andere ARTE-Filme aus derselben Serie sind ähnlich oberflächlich produziert. Dem Kampf gegen „fake news“ erweist ARTE damit einen Bärendienst. Es wäre besser, diese Filme ins Archiv zu verbannen.

Quellen:

ARTE (2018): Die Windräder verursachen ein vermehrtes Vogelsterben? / Les Éoliennes sont responsables de la surmortalité des oiseaux.
https://www.arte.tv/de/videos/081077-001-A/data-science-vs-fake/ (deutsche Version)
https://www.arte.tv/de/videos/RC-016740/data-science-vs-fake/
https://www.arte.tv/fr/videos/081077-001-A/data-science-vs-fake/ (französische Version)
https://www.arte.tv/fr/videos/RC-016740/data-science-vs-fake/

Bellebaum, J., Korner-Nievergelt, F., Dürr, T., Mammen, U. (2013): Wind turbine fatalities approach a level of concern in a raptor population. - J. Nature Conservation 21: 394-400
https://docs.wind-watch.org/bellebaum2013.pdf

Dürr, T. (2018): Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland. Daten aus der zentralen Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesumweltamt Brandenburg. Stand 19.3.2008.
https://lfu.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.312579.de

Issa, N., Muller, Y. (2015): Atlas des oiseaux de France métropolitaine. Nidification et présence hivernale.- Vol. 1., Delachaux et Niestle, Paris

Itty, C., Duriez, O. (2018): Le suivi par GPS, une méthode efficace pour évaluer l'impact des parcs éoliens sur des espèces à fort enjeux de conservation: l'exemple de l'Aigle royal (Aquila chrysaetos) dans le sud du massif central.- Actes du Séminaire Eolien et Biodiversité – Artigues-près-Bordeaux
https://eolien-biodiversite.com/IMG/pdf/itty-c_seb2017_.pdf

Langgemach, T., Dürr, T.(2018): Informationen über Einflüsse der Windenergienutzung auf Vögel. - Stand 19. März 2018
https://lfu.brandenburg.de/media_fast/4055/vsw_dokwind_voegel.pdf

LPO (2017): Le parc éolien français et ses impacts sur l’avifaune. Etude des suivis de mortalité réalisés en France de 1997 à 2015.- Juin 2017 – Actualisé en septembre 2017.- 92 S.
https://eolien-biodiversite.com/IMG/pdf/eolien_lpo_2017.pdf

Schaub, M. (2012): Spatial distribution of wind turbines is crucial for the survival of raptor populations.- Biol. Conserv. 155: 111-118
http://www.windland.ch/doku_wind/voegel/Wind_Rotmilan_Sempach_2012.pdf

Smallwood, K.S., Thelander, C.G. (2008): Bird Mortality in the Altamont Pass Wind Resource Area, California.- J. Wildlife Management 72(1): 215–223
https://www.biologicaldiversity.org/campaigns/protecting_birds_of_prey_at_altamont_pass/pdfs/Smallwood_2008-Altamont_mortality_estimates.pdf

Thelander, C.G., Smallwood, K.S. (2007): The Altamont pass wind resource area's effects of birds: A case history.- 25-46 in: de Lucas, M., Janss, G..E., Ferrer, M. (eds.): Birds and wind farms. Risk assessment and mitigation.- Quercus, Madrid

Peter Petermann

peter.petermann@ageulen.de




9. Internationales Symposium „Populationsökologie von Greifvogel- und Eulenarten“ 2018

Vom 18. bis 21. Oktober 2018 veranstaltet der Förderverein für Ökologie und Monitoring von Greifvogel- und Eulenarten e.V. gemeinsam mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Eulen e.V. (AG Eulen) das 9. Internationale Symposium „Populationsökologie von Greifvogel- und Eulenarten“ in Halberstadt.

Details zur Tagung bei MEROS
Programm




Aus Eulen-Rundblick 68:

Die Uhus am Hildesheimer Dom im Jahr 2017

von Wilhelm Breuer

Abbildung 1: Der Kreuzgang des Hildesheimer Doms im Sommer 2017. Die Kotspuren unter der Gaube verraten den Uhubrutplatz. (Foto: Angelika Krueger)

Der Beitrag ist Dipl.-Theol. Jürgen Franz Selke-Witzel gewidmet, früherer Diözesanreferent für Umweltschutz und Nachhaltigkeit des Bistums Hildesheim.

In den ersten fünf Monaten des Jahres 2017 blieb es weitgehend still um die Uhus am Hildesheimer Dom. Sie schienen erstmals seit 2014 ver­schwunden zu sein. Jedenfalls gab es keine Anzeichen für eine Brut im Westwerk des Domes, wo in den Jah­ren 2014, 2015 und 2016 Uhus gebrütet hatten (s. Breuer 2015a, 2015b, 2016). Die Bruten waren bis auf die Brut im Jahr 2016 erfolgreich verlaufen.

Dann aber fand der Hausmeister des Domes, Herr Ossenkopp, am Morgen des 01.06.2017 einen etwa sechs Wo­chen alten Jungvogel im Kreuzgang des Domes. Rasch stellte sich heraus: Die Uhus haben doch gebrütet, aller­dings nicht im Westwerk, sondern im Ende 2014 über dem im Kreuzgang des Domes in einer Dachgaube einge­richteten Uhunistkasten, in dem am 01.06.2017 weitere zwei junge Uhus und das Uhuweibchen entdeckt wur­den. Der Kreuzgang schließt im Osten an den Dom an. „Einfach woanders gebrütet: Uhus tricksen Bistum aus“, titelt die Hildesheimer Allgemeine Zeitung wenige Tage später.

In den Vorjahren hatten die Uhus die­sen Kasten nicht bezogen. Deswegen konzentrierten sich die Kontrollen der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen (EGE) im Januar, Februar und März 2017 auf das Westwerk. Der Kasten im nur tagsüber geöffneten Kreuzgang wurde nicht kontrolliert, galt als von Tauben belegt und hatte deswegen ei­gentlich geschlossen werden sollen. Zuvor waren die kleine Plattform vor dem Kasten und eine zusätzliche Sitz­hilfe auf der Dachschräge unterhalb des Kastens entfernt worden. Beide Bauteile waren angebracht worden, um - im Falle einer Brut - jungen Uhus den Aus- und Wiedereinstieg in den Nistkasten zu erleichtern und sie zu animieren, länger in der Sicherheit des Brutplatzes zu bleiben und nicht vor­zeitig in den Kreuzgang zu springen.

Infanteristenphase im Kreuzgang

Die drei Uhus müssen um den 16.04.2017 (Ostersonntag) geschlüpft sein. Der Brutbeginn dürfte somit um den 12.03.2017 gelegen haben. Nach dem ersten am 01.06. ist der zweite am 04.06. (Pfingstsonntag) und der dritte Jungvogel am 07.06.2017 im Kreuz­gang des Domes gelandet. Der doppel­stöckige Kreuzgang ist von hohen Ge­bäuden umgeben. Uhus können das umbaute Geviert nur verlassen, wenn sie einigermaßen fliegen können.

Aus der Sorge heraus, die Uhus könn­ten durch die beiden Zugänge aus dem Kreuzgang in das Dominnere gelan­gen, wurden an den betreffenden Tü­ren Schilder mit der Aufschrift ange­bracht „Türen bitte schließen. Junguhus sollen nicht entwischen“. Weil sich nicht alle Besucher daran hielten, wurde der Schließmechanis­mus der Türen auf Initiative von Ale­xander Ottersbach so eingestellt, dass diese nach Öffnung von selbst zufallen. Architekt Alexander Ot­tersbach hatte die Sanierung von Dom und Kreuzgang über Jahre gelei­tet und war erstmals 2014 mit den Uhus am Dom in Berührung gekom­men.

Am 17.06.2017 hat Armin Kreusel die drei Jungvögel mit Ringen der Vo­gelwarte Helgoland gekennzeichnet. Die Ringe tragen die Aufschrift A1628, A1629 und A1630. Die beiden älteren Uhus scheinen Weibchen, der jüngere ein Männchen zu sein.

Grund zur Sorge gab auch das Tau­benabwehrnetz aus Nylonfäden, mit dem die Öffnungen im oberen Stock­werk des zweistöckigen Kreuzganges versehen sind. Es war zu erwarten, dass diese Öffnungen Ziel erster Flug­versuche der Uhus sein würden. Nach­weislich ist mindestens ein Uhu in die­se Netze geraten, ohne sich aber darin zu verfangen. Die Beringung der Uhus wurde als ein zusätzliches Risi­ko für ein Verfangen gesehen, dieses Risiko aber eingegangen.

Der Kreuzgang ist für Besucher zwi­schen 10 und 18 Uhr, für Gottesdienst­besucher ab 7 Uhr und bis 19:30 Uhr zugänglich. In der übrigen Zeit gehör­te der Kreuzgang gewissermaßen al­lein den Uhus.

Während der ersten Tage im Kreuz­gang hielten sich die jungen Uhus, of­fenkundig auf ihre Tarnung vertrau­end, weitgehend regungslos unmittelbar auf den niedrigen Begren­zungsmauern der umlaufenden Gänge auf, wo sie auf dem Sandsteinunter­grund von den meisten Besuchern gar nicht bemerkt wurden. Im weiteren Verlauf ihres Aufenthaltes versteckten sich die jungen Uhus in der niedrigen Vegetation des Kreuzganges (vor allem im Farn an den Mauern der Annenkapelle in der Mitte des Kreuzganges) und zwischen dem Wurzelstock der le­gendären 1.000-jährigen Rose und der dahinterliegenden verglasten Fenster­öffnung der Domapsis, wo die Uhus (zumeist alle drei) für Besucher zwar sichtbar, aber unerreichbar waren. Durch diese Öffnung waren die Uhus auch aus der Domkrypta heraus zu se­hen, was die Uhus aber nicht bemerk­ten. Diese Stelle ist nur einen Meter von der Gründungsreliquie des Domes entfernt und insofern der historisch be­merkenswerteste Ort des Domes.

Nach der abendlichen Schließung des Kreuzganges verließen die jungen Uhus zumeist rasch die Verstecke und richteten die Blicke auf die Öffnung in der Dachschräge, wo sich das Weib­chen aufhielt. Die Überreste von Tau­ben und Igeln sowie im Kreuzgang verteilte Gewölle der Jungvögel beleg­ten das nächtliche Treiben. Die freiste­henden Grabsteine im Kreuzgang waren bald Landeplätze bei Flugübungen; die höher gelegenen Fensteröffnungen des Domes zum Kreuzgang später Ta­gesruheplätze.

Der Hildesheimer Dom ist Weltkultur­erbe. Nach der Sanierung des Domes und der Annexgebäude zum 1.200-jäh­rigen Domjubiläum 2014 kommen täglich bis zu einige hundert Besucher in den Kreuzgang. Der Aufenthalt der jungen Uhus im Kreuzgang in der ers­ten Junihälfte 2017 fiel zudem mit der Blüte des legendären Rosenstocks zu­sammen, die ein Besuchermagnet ist. Mit Bekanntwerden des Aufenthalts der Uhus standen auch sie im Mittel­punkt des Interesses. Die Uhus haben den Andrang ohne erkennbare Schä­den überstanden. Dass die Uhus auf die Besucher panisch reagiert hätten, wurde nicht beobachtet.

Während des Aufenthalts der Uhus im Kreuzgang informierte ein Flyer mit Verhaltensregeln die Besucher über die Situation. Den Text des Flyers hat­te das Bistum Hildesheim mit der EGE abgestimmt. Zugleich hatten mit den Uhus am Dom vertraute Personen einen kritischen Blick auf die Vorgän­ge im Kreuzgang. Die meisten Besu­cher verhielten sich rücksichtsvoll; nur in Einzelfällen mussten Personen aus­drücklich um Zurückhaltung gebeten werden.

Der Aufenthalt der jungen Uhus im Kreuzgang war für hunderte Men­schen, insbesondere Kinder, über fast sechs Wochen ein besonderes Natu­rerlebnis und eine kleine Sensation. Keine anderen freilebenden Uhus dürften jemals so oft fotografiert wor­den sein. Insbesondere an den Wo­chenenden war der Verfasser am Ort, um die Besucher über die Uhus zu in­formieren und Fragen zu beantworten. Viele Besucher staunten über die Grö­ße der jungen Uhus. Manche Besucher kamen nur der Uhus wegen, manche fast täglich oder gar mehrfach täglich in den Kreuzgang. Die Hildesheimer Zeitung, die Kirchenzeitung und das Bistum Hildesheim berichteten über die Uhus. Der emeritierte Weihbischof Hans-Georg Koitz, der sich bereits in den Vorjahren für den Schutz der Uhus am Dom eingesetzt hatte, wurde nach der Hl. Messe mit Messgewand, Mitra und Bischofsstab im Kreuzgang bei den Uhus gesehen, wie er sie einer Schar Kinder erklärte. Auch Bischof Norbert Trelle, Domdechant Weih­bischof Heinz-Günter Bongartz und andere Mitglieder des Domkapi­tels sahen im Kreuzgang immer wie­der - auch mit einem kritischen Blick auf die Taubennetze - nach den Uhus. Der in etwa 25 m Höhe gelegene Brut­platz im Westwerk bietet diese Mög­lichkeit des unmittelbaren Beobachtens der Uhus nicht. Verlassen die jungen Uhus das Westwerk, entfernen sie sich rasch vom Dom, und es be­steht kaum mehr die Chance, sie zu beobachten. Ganz anders ist also die Situation im Kreuzgang.

Ende der Infanteristenphase

Am 01.07.2017 hat der älteste Uhu (A1630 „Mona Lisa“) den Kreuzgang verlassen. Am Nachmittag dieses Ta­ges wurde der Uhu bei strömendem Regen an einer großen Glasfassade un­ter einem wettergeschützten Gebäude­vorsprung in der Nähe des Domes an einem Parkplatz unbeeinträchtigt an­getroffen und wenige hundert Meter entfernt in einen mit Bäumen und Sträuchern bestandenen Garten ge­setzt, in welchem der Uhu sofort unter dichtem Aufwuchs verschwand. An­zeichen für einen Aufprall an der Glas­fassade gab es nicht. Die beiden ande­ren Jungvögel haben am 10.07. (A1628 „Josephine“) und 14.07.2017 (A1629 „Domenico“) den Kreuzgang verlas­sen. Zuvor hatte sich der ältere der bei­den etwa eine Woche lang gut sichtbar zumindest tagsüber wieder im Nist­kasten aufgehalten. Dort hielt sich während des Aufenthalts der Jungvö­gel im Kreuzgang tagsüber auch das Weibchen auf. Ob der Jungvogel von dort aus Flüge in den Kreuzgang un­ternommen hat ist nicht bekannt.

Die nur 400 m vom Dom im Turm der evangelischen Andreaskirche brüten­den Wanderfalken tauchten zwar im­mer wieder am Dom und über dem Kreuzgang auf. Schwere Attacken auf die Uhus wurden aber nicht beobach­tet. Dies dürfte auch darauf zurückzu­führen sein, dass die Uhus im Kreuz­gang von Wanderfalken kaum zu entdecken sind.

Von Mitte Juli bis zum 12.08.2017 wa­ren die drei jungen Uhus nach Ein­bruch der Dunkelheit auf dem bis 23:30 Uhr angestrahlten Vie­rungsturm des Domes zu hören und zu sehen. Der Vierungsturm ist ein ge­eignetes Tagesversteck für Uhus und dürfte dazu auch genutzt worden sein. Die Jungvögel wurden mindestens bis zum 12.08.2017 im Kreuzgang (und möglicherweise auch im Vie­rungsturm) von den Altvögeln mit Nahrung versorgt. Dazu stürzten sich die jungen Uhus gleichsam von der Balustrade des Vierungsturms in den darunter liegenden Kreuzgang. Wäh­rend dieser vier Wochen unternahmen die jungen Uhus auch kurze Flüge zu anderen Stellen der Dachlandschaft des Domes und auf benachbarte Ge­bäude und auf den Domhof, kehrten aber immer wieder zum Vierungsturm zurück. Mit dem Festtag der Aufnah­me Mariens in den Himmel, dem Wei­hetag des Domes, am 15.08.2017, ist der Aufenthalt der jungen Uhus am Dom zu einem Abschluss gelangt. Mitte August 2017 haben die jungen Uhus nämlich ihren Standort vom Dom in den westlich gelegenen Be­reich zwischen St.-Bernward-Krankenhaus und Roemer- und Pelizaeus- Museum verlagert. Dort befinden sich extensive Rasenflächen und alter Baumbestand. Hier sind die Haupt­nahrungshabitate des Uhupaares und das eigentliche Revierzentrum zu ver­muten. Beobachtet wurden die drei jungen Uhus im Umfeld des Domes zuletzt im September; ein einzelner auch noch im Oktober 2017. Den Kas­ten im Westwerk des Domes haben die Uhus während der Jungenaufzucht als Nahrungsdepot genutzt. Der Umwelt­beauftragte des Bistums, Jürgen Selke-Witzel, fand dort bei einer Kon­trolle eine hinterlegte Taube und eine Bisamratte.

Ausblick

Nach Bekanntwerden der Uhubrut im Kreuzgang haben Bistum und EGE Erfahrungen mit Uhus erstmals an diesem Brutplatz gesammelt. Gebäu­debruten von Uhus können grundsätz­lich - für Uhus und Menschen - Pro­bleme aufwerfen. Die Ereignisse im Kreuzgang sind aber resümierend be­trachtet durchaus positiv zu bewerten sodass keine Gründe ersichtlich sind, die Uhus dort - was artenschutzrecht­lich auch nicht ohne weiteres möglich wäre - an einer Brut zu hindern.

Zwar ist in dem vom Bistum eigens für die Uhus erweiterten Brutplatz im Westwerk Raum für Flugübungen, so­dass die jungen Uhus nicht unvorbe­reitet das Westwerk verlassen müssen. Im Kreuzgang dürften die Startbedin­gungen - trotz der vielen Besucher - für die jungen Uhus aber deutlich günstiger sein. Der Umstand, dass die bereits voll flugfähigen jungen Uhus über Wochen bis Mitte August 2017 am Dom festgehalten haben, spricht ebenfalls dafür. Allerdings wird man abwarten müssen, ob die Uhus dieses auch so sehen.

Abbildung 2: Die drei jungen Uhus auf dem Vierungsturm des Hildesheimer Doms im Juli 2017. (Foto: Antje Sell)

Das Bistum Hildesheim wird jeden­falls beide Brutplätze offenhalten, den Kasten im Kreuzgang grob reinigen und vielleicht auch die oben erwähn­ten baulichen Vorrichtungen wieder anbringen lassen. Die Uhus haben also auch 2018 die Wahl. Einen An­schluss für eine Webcam gibt es nicht nur im Westwerk, sondern auch im Kasten im Kreuzgang, sodass auch von dort eine Brut via Webcam beob­achtet werden könnte - bis dann, wenn Gott will, wieder Uhus im Kreuzgang landen. Dann sollen die Besucher noch besser informiert und weitere Vorkehrungen für eine störungsarme Infanter­isten­phase getroffen werden. Das seit 2014 am Dom entstandene Netzwerk Uhu-erfahrener Personen ist dabei von großem Nutzen.

Natürlich ist die Frage erlaubt, ob die Uhus am Dom diesen Aufwand wert sind und die Aufmerksamkeit gerecht­fertigt ist. Anderen Uhus in Deutsch­land wird eine solche Sorge nicht zu­teil. Uhus, die an einem vielbesuchten Ort wie dem Hildesheimer Dom brü­ten, bieten jedoch gute Voraussetzun­gen für die Vermittlung des Anliegens des Naturschutzes (auch für die Ab­grenzung von problematischer Ver­menschlichung und falschverstande­ner Tierliebe), für Initiativen für mehr Natur im Siedlungsbereich und für die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Naturschutz. Insoweit verbindet sich mit den Uhus am Dom auch ein Bildungsauftrag. Um die Uhus herum ist insbesondere auf Initiative des Um­weltbeauftragten des Bistums ein breites Netzwerk von Personen ent­standen, die sich in kurzer Zeit große Kenntnisse angeeignet haben und bes­te Voraussetzungen bieten, dass eine Uhubrut am Dom auch 2018 erfolg­reich verlaufen kann.

Dank

Die drei Hildesheimer Domuhus ha­ben Paten gefunden: Joachim Acht­zehn, Angelika Krueger und Tarek Abu Ajamieh. Sie haben sich in besonderer Weise für den Schutz der Uhus eingesetzt. Die EGE dankte die­sen Personen deshalb mit einer Ehren­patenschaft: Herrn Achtzehn und Frau Krueger für umfangreiche Be­obachtungen und Berichte, die sie an den Verfasser in Hannover gerichtet haben, sodass dieser immer auf dem Laufenden war, ohne selbst am Ort sein zu müssen. Herrn Abu Ajamieh für die umfassende Information der Leser der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung. Die Beobachtung der Uhus war auch deshalb wichtig, damit bei Anzeichen einer Verletzung, Erkran­kung oder einem Verfangen in den Taubennetzen rasch hätte gehandelt werden können.

Die EGE dankt zudem allen Men­schen am Dom, insbesondere dem Domdechanten Weihbischof Heinz-Günter Bongartz, dem Umweltbe­auftragten des Bistums Jürgen Selke-Witzel, Herrn Edmund Deppe von der Kirchenzeitung sowie den Domküstern Herrn Körner, Herrn Musiol und Herrn Raulfs, den Haus­meistern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Dommuseums.

Zusammenfassung

2017 brüteten wie bereits in den Jahren 2014, 2015 und 2016 Uhus am Hildesheimer Dom. 2017 fand die Brut Eulen-Rundblick Nr. 68 – August 2018 erstmals nicht im Westwerk, sondern in einer 2014 eigens als Uhubrutplatz eingerichteten Dachgaube über dem doppelstöckigen Kreuzgang statt. Die Brut wurde erst entdeckt, als der erste der drei Jungvögel am 01.06.2017 in Alter von etwa sechs Wochen im von hohen Gebäuden umschlossenen Kreuzgang auftauchte. Dort verbrachten die jungen Uhus die Infanteristenphase und blieben danach noch bis Mitte August im Kreuzgang bzw. am Dom. Trotz hoher Besucherzahlen im Kreuzgang verlief die Zeit für Uhus und Besucher weitgehend problemfrei. Die Gründe für den Brutplatzwechsel sind unklar; aus menschlicher Sicht hat sich der Wechsel nicht als nachteilig erwiesen.

Literatur:
Breuer W 2015a: Brut des Uhus Bubo bubo am Hildesheimer Dom. Eulen-Rundblick 65: 9-11

Breuer W 2015b: Uhus am Hildesheimer Dom. Die großen Eulen entdecken die Stadt. Nationalpark 2/2015: 18-21

Breuer W 2016: Die Uhus am Hildesheimer Dom im Jahr 2015. Eulen-Rundblick 66: 41-42




Aus Eulen-Rundblick 68:

Uhu-Monitoring in Baden-Württemberg 2017: Das neue Populationsmaximum und der obligate Ruf nach Regulierung

von Frank Rau

Die Uhus blieben auch 2017 in Ba­den-Württemberg weiter auf Ex­pansionskurs und erreichten - nach dem letztjährigen Bestandsrückgang - ein neues absolutes Populations­maximum. Die Ergebnisse des von der Arbeitsgemeinschaft Wander­falkenschutz (AGW) durchgeführ­ten, flächendeckenden Monitorings in Baden-Württemberg (siehe dazu Rau2017) beleuchten einen hochgra­dig dynamischen Prozess mit enor­men interannuellen Fluktuationen und markanten regionalen Differen­zierungen, dessen Ende bislang noch nicht absehbar ist. Aber es überwiegt nicht nur die Begeisterung über diese erfolgreiche Wiederausbreitung einer ehemals ausgerotteten Art, sondern das verstärkte Auftreten dieses Spit­zenprädators ruft bereits wieder die ersten „Regulierer“ auf den Plan.

Die Brutsaison 2017

Nachdem in den zurückliegenden Jahren immer wieder die Witterung eine durchaus entscheidende Rolle im Verlauf der Brutzyklen von Wan­derfalken und Uhus spielte oder zu­mindest zu spielen schien, so war die Brutsaison 2017 durch einen hinsicht­lich der Temperaturen eher norma­len, aber außergewöhnlich trockenen und sehr sonnenscheinreichen Win­ter und ein sich anschließendes, ten­denziell zu warmes Frühjahr mit wechselnden, teilweise ergiebigen Niederschlägen und trotzdem viel Sonnenschein geprägt (Deutscher Wetterdienst2017). Ein kurzfris­tiger, aber massiver Kälteeinbruch in der zweiten Aprildekade führte zwar zu massiven Schäden in der Land­wirtschaft, verlief dieses Mal aber ohne eine ausgedehnte Schlechtwet­terlage mit Schnee- und Regenfällen und blieb weitestgehend ohne Aus­wirkungen auf das Brutgeschehen. Für die Uhus waren folglich die äu­ßeren Bedingungen ausgesprochen positiv und dies zeigte sich auch landesweit in den Populations- und Reproduktionskennwerten der Brut­saison 2017. Der deutliche Populati­onsrückgang des Jahres 2016 (Rau 2017) wurde nicht nur wieder ausge­glichen, sondern es wurde mit 224 Revierpaaren und 278 besetzten Re­vieren ein neues Populationsmaxi­mum in Baden-Württemberg erreicht (Abbildung 1). Dies stellt gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um 48 Re­vierpaare und 43 besetzte Reviere dar, ist aber auch nochmals ein deut­licher Zuwachs um 28 Revierpaare beziehungsweise 36 Reviere im Ver­gleich mit dem bisherigen Maximal­jahr 2015! Landesweit konnten 2017 43 erstmals besiedelte Revierzentren erfasst werden (2016: 25).

Mit dem aktuellen Bestandsanstieg setzen die Uhus in Baden-Württem­berg ihre bemerkenswerte Expan­sion fort. Wie bereits im Vorjahr angemerkt, ist die rezente Popu­lationsdynamik nach wie vor der Wachstums-Phase eines logistischen Wachstumsmodells zuzuordnen, aber die zunehmenden interannuel- len Fluktuationen des Bestands, de­ren maximale Jahresamplitude bei über ± 50 Revierpaaren pro Jahr lag (Abbildung 2), können als Indiz da­für gewertet werden, dass inzwischen über die reine Bestandsgröße und den Reproduktionserfolg hinaus weite­re Faktoren zu wirken beginnen, die fortschreitend regulierend auf die Po­pulation einwirken.

Dies lässt sich auch bei der Betrach­tung der Reproduktionsergebnisse des Jahres 2017 interpretieren: Ge­genüber dem Vorjahr 2016 zeigte sich neben den deutlich angestiegenen Beständen landesweit auch ein mar­kanter Anstieg bei der Zahl der er­folgreichen Bruten von 82 (46,6%) auf 137 (61,2%). Nach dem drastischen Einbruch auf nur noch 165 ausgeflo­gene Junguhus im Jahr 2016 stieg die Anzahl der flüggen Jungvögel 2017 wieder auf 257. Dies ist aber nach 2015 mit 316 und 2012 mit 287 flüg­gen Jungvögeln nur der drittstärkste Jahrgang (Abbildung 3). Erstmals in den zurückliegenden 20 Jahren ist also eine Abkopplung des Populati­onsmaximums von dem zugehörigen Bruterfolg zu beobachten. Eine Ursa­che hierfür war die gegenüber 2015 deutlich angestiegene Zahl jener Paa­re, die nicht mit einer Brut begonnen haben (2017: 31,7%, 2015: 15,8%), wohingegen die nachweislich abge­brochenen Bruten bei niedrigen 7,1% nahezu konstant blieben (2015: 7,7%). Demzufolge lag die Erfolgsquote 2017 lediglich bei 61,2% aller Revier­paare gegenüber 76,5% vor 2 Jahren. Auch war die Anzahl der Jungvögel pro erfolgreicher Brut mit 1,88 (2017) sowohl gegenüber 2,04 (2016) als auch 2,11 (2015) gesunken und ran­gierte deutlich unter dem Maximal­wert von 2,36 aus dem Jahr 2012. In der Summe resultiert 2017 eine lan­desweit recht niedrige Reproduktivität von 1,15 flüggen Jungvögeln pro Revierpaar (2015: 1,61).

Die stärkste Dynamik zeigte sich 2017 im Regierungsbezirk Süd-Würt­temberg mit der zentralen Schwäbi­schen Alb und dem Durchbruchstal der Donau. Durchaus erwartungsge­mäß waren hierbei maximale Wer­te zu verzeichnen, wobei gegenüber dem Vorjahr 2016 die Zahl der Re­vierpaare um 18 und die Zahl der erfolgreichen Bruten sogar um 25 an­stieg. Deutlich moderater verlief die Entwicklung in Nord-Württemberg und Süd-Baden, wo sich die Bestän­de um jeweils 12 und die erfolgrei­chen Bruten um 15 beziehungsweise 13 erhöhten. Nord-Baden fällt aus diesem Muster etwas heraus, denn der Bestand stieg lediglich um 6 Re­vierpaare an. Zunahmen zeigten sich deutlich im Bereich der Schwäbischen Alb und im Norden Baden-Württem­bergs, im Westen und Süden dagegen waren tendenziell überwiegend stabi­le Verhältnisse und leichte Abnahmen zu verzeichnen. Insgesamt zeigte sich 2017 die Schwäbische Alb noch deut­licher als wesentliches Zentrum der baden-württembergischen Uhupopu­lation!

Abbildung 1: Die Populationsentwicklung der Uhus inBBaden-Württemberg 1965-2017. Gegen­übergestellt sind die Zeitreihen der eindeutig identifizierten Revierpaare und der besetzten Re­viere (Summe der Revierpaare und der revierhaltenden Einzelvögel).
Abbildung 2: Die jährlichen Zu- und Abnahmen der Uhurevierpaare in Baden-Würittemberg 1965-­2017 wiesen in der Dekade 2008-2017 Amplituden bis über ±50 Revierpaare / Jahr auf! Die Kurve der besetzten Reviere zeigt einen analogen, aber in der Amplitude gedämpften Verlauf.

Vergleicht man aber die Bestands­situation dieses Jahres mit jener des letzten Maximaljahres 2015, so fällt unmittelbar auf, dass sich die Popula­tionsentwicklung vorrangig im Süden des Landes abgespielt hat: Die Regie­rungsbezirke Süd-Baden und Süd­-Württemberg wuchsen um 14 bzw. 15 Revierpaare, wohingegen die Uhupo­pulation der nördlichen Landesteile stagnierte oder sogar leicht zurück­ging.

Der Fortpflanz­ungs­erfolg der Uhus lag 2017 in allen 4 Regierungsbe­zirken deutlich über jenem des Vor­jahres. Am drastischsten stieg die Anzahl der ausgeflogenen Junguhus in den östlichen Landes­teilen: Um 44 in Süd-Württemberg und um 35 in Nord-Württemberg. Dem gegenüber war der Zuwachs in den westlichen Landesteilen eher verhalten. Es zei­gen sich deutliche Zunahmen in den Kern­räumen der Population auf der Schwäbischen Alb, im Neckartal und im angrenz­enden Odenwald. Dem ge­genüber stehen moderate Rückgänge im Westen des Landes.

Zusammenfassend zeugt auch die Brutsaison 2017 von den starken interannu­ellen Schwankungen und der anhaltenden, enormen Dynamik der landesweiten Populationsentwick­lung! Die ungebrochene Expansi­onstendenz der Uhus wird auch in diesem Jahr durch eine Vielzahl neu­er Ansiedlungen belegt. Bevorzugtes

Habitat sind nach wie vor aufgelas­sene oder aber auch aktive Steinbrü­che, jedoch finden sich auch Bruten und Brutversuche im urbanen Raum bis hin zur Balustrade einer Karlsru­her Schule. Und selbst wenn keine di­rekte Revierbesetzung nachgewiesen werden kann, so lassen sich doch Ein­zeltiere verstärkt in allen Landesteilen und Naturräumen flächendeckend, ganzjährig und habitatübergreifend antreffen.

Anmerkungen zur Reproduktivität der Uhus

Die oben dargestellten niedrigen Reproduktivitätswerte der Jahre 2015 - 2017 scheinen angesichts der un­gebremsten Expansion der baden-württembergischen Uhus erstaunlich niedrig. Es ist hier jedoch anzumer­ken, dass diese Kennzahl bei der baden-württembergischen Uhupo­pulation seit rund 30 Jahren ledig­lich sechs Mal einen Wert von 1,20 flüggen Jungvögeln pro Revierpaar überschritten hat und ein niedriges absolutes Maximum von 1,64 flüggen Jungen pro Revierpaar im Jahr 2012 erreichte (Abbildung 4). Die langjäh­rig ermittelten Reproduktivitätswerte (1990 - 2017) zeigen eine recht große Spannweite zwischen 0,46 (1994) und 1,64 (2012) flüggen Jungen pro Paar und Jahr. Der zwanzigjährige Mittel­wert liegt bei 1,08 ± 0,27 flüggen Jun­gen pro Revierpaar (1998 - 2017), das Mittel der zurückliegenden Dekade 2008 - 2017 liegt bei massiv angestie­gener Bestandsgröße mit 1,17 ± 0,29 flüggen Jungen pro Revierpaar nur unwesentlich höher und kaum über dem von Dalbeck(2003) angegebe­nen Minimalkriterium von rund 1,1 flüggen Jungen pro Paar und Jahr, die zur langfristigen Bestandserhaltung der Art erforderlich sein sollen. Die Daten des langjährigen Monitorings belegen deutlich, dass trotz des deut­lichen Bestandsanstiegs der jährliche Reproduktionserfolg der einzelnen Revierpaare dauerhaft eher nied­rig einzustufen ist. Dies deckt sich mit den in der Literatur angegebenen Werten (Bergerhausen et al. 1989, Mebs& SCHERZINGER 2008, JENNY 2011, Bauer et al. 2012) und stimmt auch mit den jüngst veröffentlichten langfristigen und großräumigen Be­obachtungen 1960 - 2015 aus Thü­ringen (Görner 2016) überein. Hier überschritten die jährlichen Reproduktivitätswerte der Uhus nur in we­nigen Jahren einen Schwellenwert von 1,00 flüggen Jungen pro Revierpaar. Demzufolge ist es durchaus plausibel, dass ein durchschnittlich niedriger Fortpflanzungserfolg in Konsequenz vieler nichtbrütenden Paare, niedri­ger Gelegezahlen und / oder höherer Verlustraten der noch nicht flüggen Jungvögel eher die Regel denn die Ausnahme auch in einer expandie­renden Uhupopulation darstellt (und zwar auch bei gegebenem Ausschluss nennenswerter Zuwanderung oder Auswilderung). Beobachtungen und Meldungen hoher Gelege- oder Brut­verluste sind also keine dramatischen Ausnahmen oder gar zwangsläufig besorgniserregende Probleme, son­dern repräsentieren vielmehr einen populationsdynamischen Normalfall. Darüber hinaus weisen diese Ergeb­nisse darauf hin, dass das Minimal­kriterium zur Bestandssicherung nach Dalbeck(2003) mittlerweile si­cher zu hoch angesetzt ist und einer Neujustierung bedarf.

Diskussion

Die Rückkehr der Uhus nach seiner Ausrottung in Baden-Württemberg ist eigentlich eine Erfolgsgeschich­te des Artenschutzes (Rau2015, vgl. Jöbges2017). Ohne wesentliche be­standsstützende Maßnahmen breitete sich die Großeule seit rund 30 Jahren wieder im gesamten Land aus und be­siedelt dieses heute nahezu flächen­deckend. Ein Ende dieser noch vor kurzem unvorstellbaren Entwicklung ist bislang nicht absehbar, aber schon jetzt zeichnen sich Probleme mit der Expansion der Uhus ab, mit denen sich der engagierte Vogelschutz aus­einandersetzen muss. Ähnlich wie mit Wolf oder Luchs gliedert sich mit dem Uhu derzeit ein sogenannter „Spit­zenprädator“ wieder in die Umwelt ein und verhält sich dabei möglichst artgemäß: Er dezimiert die anderen..! Dies wird dann zu einem Problem, wenn er als Konkurrent oder direkter Fressfeind von Zielarten des Arten­schutzes, der Tierliebe oder von Nut­zungsinteressen in Erscheinung tritt - dies sind Rebhühner ebenso wie Limikolen, Steinkäuze oder auch der Wanderfalke. Auch wenn der Uhu ei­nem opportunistischen Nahrungs­erwerb nachgeht und überwiegend leicht erbeutbare Ubiquisten schlägt (Mebs & Scherzinger2008), so fal­len ihm eben immer wieder auch sol­che „wertvollen“ Arten zum Opfer.

Abbildung 3: Die Fortpflanzungsergebnisse der Uhus in Baden-Württemberg 1965-2017. Der 2015 mit 316 flüggen Jungvögeln verzeichnete Maximalwert wurde trotz des neuen Populationsmaxi­mums 2017 nicht überschritten.
Abbildung 4: Die Reproduktivitätswerte rder Uhussin Baden-Württemb erg 1965-2017. Das von Dalbeck (2003) zur langfristigen Bestandserhaltung der Art errechnete Minimalkriterium von rund 1.1 flüggen Jungen pro Paar und Jahr ist rot unterlegt dargestellt. Jahre, in denen der landes­weite Uhubestand unter 10 Revierpaaren lag, sind grau wiedergegeben.

Reflexartig werden folglich seit ei­nigen Jahren aus einschlägigen, aber auch aus unerwarteten Kreisen wie­der Rufe nach einer „Regulierung“ der Uhus laut.

Die aufgezeigte Populationsentwick­lung der Uhus im Zeitraum 1965-2017 beleuchtet einen rezent ablaufenden, (weitgehend..) ungesteuerten und hoch­gradig dynamischen Prozess, der für die aut- und synökologische For­schung von großem Interesse ist. Vor diesem Hintergrund ermöglichen die Daten des langjährigen Monitorings von Wanderfalken und Uhus wich­tige Erkenntnisse. Erstmals in der über fünfzig­jährigen Geschichte des AGW-Programms konnten im Jahr 2017 in Baden-Württemberg mehr besetzte Uhu- als Wanderfalkenrevie­re nachgewiesen werden (Rau et al. 2017). Die naheliegende Vermutung, dass der zu beobachtende Rückgang der Wander­falken­population in Ba­den-Würt­tem­berg die unmittelbare Folge des Anwachsens der Uhupopu­lation ist, greift jedoch eindeutig zu kurz. Selbstverständlich verlieren die Wanderfalken an Terrain, (vermeint­lich?) traditionelle Brutplätze der Fal­ken werden zunehmend von den Uhus übernommen und wie in den Vorjah­ren wurden auch 2017 wieder diverse (zahlreiche?) durch Uhus verursach­te Brutverluste bei den Wanderfalken dokumentiert. Eine monokausale Be­standslimitierung des Wanderfalken durch den Uhu erscheint jedoch so­wohl aus theoretischen Überlegungen heraus als auch aufgrund der Ana­lyse der Monitoringergebnisse bei­der Arten als wenig wahrscheinlich. Dies wird nicht zuletzt durch diesjäh­rige Beobachtungen auf der Schwä­bischen Alb und deren Vergleich gestützt: Die unmittelbar benachbar­ten, naturräumlich sehr ähnlichen Landkreise Reutlingen und Alb-Donau-Kreis zeigten 2017 jeweils über­einstimmend einen hohen Bestand an Uhus (19 und 17 Revierpaare) mit ho­hen Reproduktionszahlen (24 und 27 ausgeflogene Junguhus bei 13 bzw. 14 erfolgreichen Bruten). Beide Kreise zeigten 2016 und 2017 eine konstante Besiedlungsdichte der Wanderfalken mit je 11 Revierpaaren. Trotz dieser weit reichenden Übereinstimmungen zeigten sich bei den Wanderfalken im Brutgeschehen deutliche Differen­zierungen: Im Alb-Donau-Kreis sta­gnierte die Fortpflanzung auf dem Niveau von 2016, dagegen wurden in Reutlingen sowohl bei den erfolgrei­chen Paaren (+7) als auch den flüg­gen Jungen (+15) deutliche Zuwächse verzeichnet! Und dies obwohl im Alb-Donau-Kreis zahlreiche Brutplätze durch Uhuschutzgitter gesichert sind. Interessanterweise konnten in Reut­lingen Neuansiedlungen des Wander­falken (n = 5) oftmals an vermeintlich suboptimalen Standorten in der Nähe bestehender oder ehemaliger Horste dokumentiert werden! Es scheint of­fensichtlich, dass die Wanderfalken neben den nachgewiesenen Verände­rungen der Habitatstruktur und einer sukzessiven Arealverschiebung auch kleinräumig auf das Auftreten der Konkurrenz reagieren können.

Dem Ansinnen nach einer Bestands­limitierung der Uhus ist nach allen bisherigen Erkenntnissen dringend entgegenzutreten! Rufe nach einer wie auch immer gerichteten Regu­lierung werden von der Arbeitsge­meinschaft Wanderfalkenschutz in Baden-Württemberg und Nordrhein-­Westfalen (Jöbges2017) ebenso wie von der Bundesarbeitsgruppe (BAG) Eulenschutz des NABU grundsätz­lich abgelehnt. Neben dem gesetzlich verankerten Schutz der Art sollte die weitere Beobachtung und Dokumen­tation der Bestandsentwicklungen ein wesentlicher Baustein der zukünfti­gen Aktivitäten des AGW-Monitoring-programms darstellen. Zahlreiche weitere Faktoren wie die unablässig fortschreitende Landschaftsnutzung, die direkte Verfolgung, aber auch ein denkbarer Nahrungsmangel durch einbrechende Kleinnager- und Vogel­bestände stellen zukünftige Heraus­Forderungen für den aktiven Schutz der Spezies dar.

Zusammenfassung

In Baden-Württemberg wurde 2017 mit 224 Revierpaaren und 278 be­setzten Revieren ein neues Populati­onsmaximum des Uhus erreicht. Der Anteil erfolgreicher Bruten (n=137) betrug 61,2%. Die Zahl der ausgeflo­genen Junguhus war mit 287 Jung­uhus die bisher dritthöchste. Die Ausbreitung erfolgte regional unter­schiedlich, wobei die Schwäbische Alb weiterhin das Zentrum der baden- württembergischen Uhupopulation ist. Die Uhupopulation zeigt weiter­hin bei starken jährlichen Schwan­kungen eine enorme Dynamik.

Literatur:

Bauer H-G, Bezzel E & Fiedler W 2012: Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Band 1: Nonpasseriformes - Nichtsperlingsvögel. 2. Auf­lage. Aula-Verlag, Wiebelsheim Bergerhausen W, Radler K & Wil­lems H 1989: Reproduktion des Uhus (Bubo bubo L.) in verschiedenen euro­päischen Teilpopulationen sowie einer „Population“ in Gehegen. Charadrius 25(2): 85-93

Dalbeck L 2003: Der Uhu Bubo bubo (L.) in Deutschland - autökologische Analysen an einer wieder angesiedel­ten Population - Resümee eines Arten­schutzprojekts. Shaker Verlag, Aachen Deutscher Wetterdienst2017: WitterungsReport Express.

Görner M 2016: Zur Ökologie des Uhus (Bubo bubo) in Thüringen - Eine Langzeitstudie. Acta ornithologica 8(3-4): 151-320

Jenny D 2011: Bestandsentwicklung und Bruterfolg des Uhus Bubo bubo im Engadin. Ornithologischer Beob­achter 108(3): 233-250

Jöbges M M 2017: Zum Vorkom­men des Uhus (Bubo bubo)2015/16 in Nordrhein-Westfalen - Trend, Beeinträchtigung, Interaktion. In: Arbeitsgemeinschaft Wanderfal­kenschutz des NABU-NRW (ed.): Jahresbericht 2016: 10-17 MebsT & ScherzingerW 2008: Die Eulen Europas. Biologie - Kennzei­chen - Bestände. Kosmos, Stuttgart RauF 2015: Bestands- und Areal­entwicklung von Wanderfalke Fal- co peregrinusund Uhu Bubo buboin Baden-Württemberg 1965-2015. In: RauF, LühlR & BechtJ (Hrsg.): 50 Jahre Schutz von Fels und Falken. Ornithol. Jh. Bad.-Württ. 31 (Sonder­band): 99-127

Rau F 2017: Uhu-Monitoring in Ba­den-Württemberg: Bestands- und Arealentwicklung von Uhus Bubo buboin Baden-Württemberg 2016. Eulen-Rundblick 67: 37-41 RauF, BechtJ, LühlR & FischerB 2017: Wanderfalken und Uhus in Ba­den-Württemberg - Die Brutsaison 2017. In: Arbeitsgemeinschaft Wan­derfalkenschutz Baden-Württem­berg:Jahresbericht 2017. http://www.agw-bw.de/veroffentlichungen/jahresberichte/, 15.3.2018: 4-8




Familiäre Zwiesprache beim Schleiereulenbrutpaar

Ernst Kniprath

Gern setze ich mich dem Vorwurf der Vermenschlichung aus und zeige eine doch eindeutige Situation im Brutkasten des Kanton Aargau, Departement Bau, Verkehr & Umwelt, Abteilung Landschaft & Gewässer, Entfelderstrasse 22, in CH 5001 Aarau. Das Männchen hat in den letzten 10 Stunden mindestens sechs Mäuse gebracht (fünf davon liegen beim 1. Bild zwischen seinem rechten Fuß und der Wand des Kastens) und sich dabei wohl selbst vergessen. Gerade ehe es wieder zur Jagd starten wollte, bemerkte es offensichtlich seinen Hunger.

eigentlich noch Hunger
Darf ich?
Ich versuche es mal
Darf ich wirklich?
sieht gut aus
nicht lange gezögert




Fastzusammenstoss mit einem Waldkauz

18.06.2018

Heute morgen um 4:00 Uhr fuhr ich per Fahrrad von meiner Suche nach jungen Eulen in den Rheinauen nördlich von Karlsruhe nach Hause. Es war auf einem scheußlich zu fahrenden, von Kräutern und Gras fast zugewucherten Feldweg, von dem nur die beiden Radspuren nicht bewachsen waren, als mir plötzlich ein Waldkauz in Hüfthöhe entgegengeflogen kam. Er war offenbar von meinem recht hellen Fahrradscheinwerfer geblendet und zog nur wenige Meter vor mir in die Höhe meines Kopfes hoch.

Während ich mich duckte, drehte der Kauz im letzten Moment nach links ab. Ich spürte sehr deutlich seinen Fahrtwind, hielt an und notierte das Ereignis, während er sich aus dem nahen Wald mit einigen Revierstrophen meldete.

Der unbefangene Leser wird sich fragen, wieso ein Waldkauz knapp über der Krautschicht über der Radspur eines Feldweges fliegt. Die Antwort ist einfach: er sieht nach, ob irgend wo ein Mäuslein in der Radspur herum läuft. In dem hohen Kraut hat er keine Chance, eine potentielle Beute zu erwischen.

Schuld an dem Beinaheunfall war eindeutig ich: ich fuhr am linken Rand des Feldweges :-(. Zum Glück hat der kluge Kauz sehr umsichtig reagiert.


Aber Spaß beiseite, denn die ganze Geschichte hat einen Hintergrund, der mich schon lange beschäftigt: die Reaktion nicht nur der Eulen auf helles Licht.

Seit Einführung der Leuchtdiodentechnologie können auch Fahrradscheinwerfer eine ganz beachtliche Blendkraft entwickeln und was sich hinter so einer blendenden Lichtquelle befindet, kann der Geblendete nicht sehen.

Geblendeter Steinmarder aus ca. 1,5 m Entfernung fotografiert

Daraus können schöne Beobachtungen resultieren, wie z.B. der abgebildete Steinmarder, der mich zuerst wegen des Fahrradlichtes nicht sah und den ich schon während des Anhaltens per Taschenlampe blendete, um ihn zu fotografieren.

Die meisten Tiere erkennen helles Licht nicht als Gefahr und der Beobachter kann sich hinter seinem Lichtkegel verstecken. Im Straßenverkehr wird es ihnen aber gar zu oft zum Verhängnis.

Einen Spezialfall bilden Rehe am Straßenrand, vor allem, wenn sie einem den Spiegel zeigen. Werden sie in dieser Stellung mit starkem Licht angeleuchtet, sehen sie plötzlich ihren eigenen, sich langsam drehenden und kürzer werdenden Schatten und starren gebannt und mit nach vorne gespitzten Ohren darauf. Wenn das Fahrzeug dann so nahe ist, dass sie es nicht mehr überhören können, springen sie völlig unberechenbar los und wenn man Pech hat, eben gerade in die falsche Richtung – Rehe sind Fluchttiere und keine Intelligenzbestien, denn das Essen läuft ihnen nicht davon.

Als umsichtiger Autofahrer sollte man beim nächtlichen Anblick eines Rehhinterns bremsen, abblenden und hupen, damit man auf das Fluchtverhalten rechtzeitig reagieren kann. Als Radfahrer betätige ich im Zweifelsfall einige Meter vor dem Reh die Klingel.

A.F.

Zuletzt geändert: 2019/02/17 01:31
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