32. Jahrestagung 2016 im Kloster Schöntal - 40 Jahre AG Eulen -

32. Jahrestagung 2016 im Kloster Schöntal - 40 Jahre AG Eulen -

von Jochen Wiesner

Vom 28. bis 30. Oktober 2016 trafen sich viele AG Eulen-Mitglieder und Eulenfreunde im Kloster Schöntal, das sich im malerischen Jagsttal im Hohenlohekreis in Nordwürttemberg befindet. Die Organisation vor Ort, im Bildungshaus des Klosters Schöntal, hatte Karl-Heinz Graef übernommen. Die 32. Jahrestagung war etwas ganz besonderes, denn immerhin feierte die AG Eulen in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen und seit vielen Jahren fand zudem eine Tagung wieder einmal im Süden Deutschlands statt. Diesen Anlass nutzten rund 152 Teilnehmer aus ganz Deutschland und auch einige Teilnehmer aus Österreich, der Schweiz und Frankreich; wollten sie doch dieses besondere Ereignis miterleben.

Nach einer teilweise weiten und anstrengenden Anreise vieler Teilnehmer begann die Tagung wie gewohnt am Freitagabend mit dem beliebten Eulenschützer-Stammtisch, bei dem sich viele unserer Mitglieder zumeist nur einmal im Jahr wiedersehen. Stets gibt es daher Neues zu berichten und man nutzt die Gelegenheit, sich mit Freunden und Bekannten ausgiebig auszutauschen. Unsere Jahrestagung im Kloster Schöntal stand aufgrund des runden Geburtstages unter der allgemeinen Thematik „Fortschritte in Eulenforschung und Eulenschutz in 40 Jahren AG Eulen“. Für diese Jubiläumstagung konnten vom Vorsitzenden ausreichend viele informative Vorträge zusammengestellt werden, obwohl bereits wesentliche Rückblicke und Betrachtungen zur Entwicklung in den letzten 40 Jahren in unserem Eulen-Rundblick Nr. 66 publiziert worden waren. Das inhaltsreiche Tagungsprogramm bestand aus zwölf Vorträgen. Im Einzelnen waren dies ein Vortrag zur Faszination aktueller Fragen und Befunde aus der Eulenforschung, fünf Vorträge über den Uhu, zwei über den Waldkauz, jeweils einer über die Schleiereule und den Sperlingskauz sowie abschließend ein Vortrag über Usutu-Viren bei Eulen.

Am Samstag, pünktlich um 8.30 Uhr, eröffnete der Vorsitzende die Vortragstagung und begrüßte die zahlreichen Teilnehmer, insbesondere aber unser Ehrenmitglied Theodor Mebs sowie Klaus-Michael Exo, einen der beiden von weit angereisten Gründungsväter der AG Eulen. Der Vor­sitzende bedankte sich auch ausdrücklich bei den Autoren Michael Wink, Wilhelm Breuer, Laura Hausmann und Karel Poprach für ihre umfangreichen und besonders informativen Publikationen in der aktuellen Ausgabe unseres Eulen-Rundblicks.

Nach der Begrüßung berichtete Klaus-Michael Exo in seinem Beitrag, den er in Abstimmung mit Rolf Hennes verfasst hat, sehr aufschlussreich über die Gründung der AG Eulen, die aus dem Zusammenschluss der beiden regionalen AGs Steinkauz und Schleiereule im Jahr 1976 in Nord­rhein-Westfalen entstanden ist und deren 1. Jahrestagung erst 1981 in Gießen stattgefunden hat. Nähere Informationen zur Chronik können auf der Website der AG Eulen nachgelesen werden. Klaus-Michael Exo stellte die beachtliche Zunahme der Mitgliederzahlen von anfangs 29 auf gegenwärtig 671 dar und ging auf die Entwicklung des anfänglich nur hektographierten Mitteilungsblattes zur inzwischen international bekannten Fachzeitschrift, dem Eulen-Rundblick, ein, dessen Nr. 66 vor einem halben Jahr erschienen ist. Die beiden Autoren dieses Beitrages beglückwünschten die AG Eulen zu ihren Erfolgen und stellten die berechtigte Frage, ob die umfangreiche Arbeit des Vereins zukünftig noch rein ehrenamtlich zu leisten sein wird?

Als zweiter Redner sprach Wolfgang Scherzinger über die „Faszination aktueller Fragen und Befunde aus der Eulenforschung“. Eulen stellen mit ihren Anpassungen an den nächtlichen Beute­fang eine Vogelgruppe dar, die sich besonders als Modell für die Erforschung der komplexen Räuber-Beute-Wechselbeziehungen eignet. Verfeinerte Analysen des Erbguts erlauben heute die Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte sogar einzelner Eulen-Metapopulationen, aber auch Vergleiche des weitgehend angeborenen Stimmrepertoires können zur Klärung von offenen Fragen der Feinsystematik beitragen. Die angesprochenen Forschungsaufgaben lösten eine angeregte Diskussion aus. Unmittelbar nach seinem beeindruckenden Vortrag wurde Wolfgang Scherzinger vom Vorsitzenden in Anerkennung der über viele Jahrzehnte erbrachten wissen­schaftlichen Leistungen die Aufnahme in die Ehrentafel der AG Eulen bekanntgegeben und die dazu ausgefertigte Urkunde sowie eine Ehrenmedaille überreicht.

Noch vor der Kaffeepause kam Wilhelm Breuer von der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e.V. (EGE) zu Wort und referierte über „Windenergie und Uhu – aktuelle Aspekte eines unterschätzten Konflikts“. Er richtete vom Standpunkt des Uhuschutzes aus einen kritischen Blick auf die Planungs- und Zulassungspraxis von Windenergieanlagen und formulierte Empfehlungen unter anderem auch zum Einsatz telemetrischer Untersuchungen sowie zur Wirksamkeit von Maßnahmen zur Senkung des Kollisionsrisikos beim Uhu.

Die Vormittagssitzung setzte Frank Rau mit seinem Vortrag „Bestands- und Arealentwicklung des Uhus Bubo bubo in Baden-Württemberg 1965 – 2016“ fort. Er präsentierte die über 50 Jahre hinweg im gesamten Gebiet Baden-Württembergs gesammelten Daten zur Brutbiologie und Verbreitung der felsbewohnenden Arten Wanderfalke und Uhu vor und betonte die wohl einmalige Chance, anhand dieses aktuell ablaufenden „ökologischen Freilandexperiments“ die begleitenden populationsdynamischen Prozesse beobachten, dokumentieren und analysieren zu können.

Danach berichteten Claus & Ingrid König über ihre „Beobachtungen an Uhus (Bubo bubo) im Neckartal bei Ludwigsburg“, einer im Herbst 2014 stattgefundenen Neuansiedlung dieser Eulenart in den von Weinbergen umgebenen Neckarfelsen bei Ludwigsburg. Der mit eindrucksvollen Videosequenzen ausgestattete Vortrag befasste sich vorrangig mit den Fragen, ob sich die Uhus an den Verkehrslärm einer in geringer Entfernung vom Brutplatz vorbeiführenden Schnellstraße anpassen und wie sich Arbeiten in den Weinbergen und die Hubschrauberflüge zum Spritzen der Reben als Störungen des Brutgeschäftes auswirken?

Am Nachmittag wurden die Vorträge mit dem bemerkenswerten Beitrag von Christina Nagl „Der Waldkauz Strix aluco in den Auwäldern Ost-Österreichs“ fortgesetzt. Ziel dieser Studie war es, Populationsdichten sowie Habitatpräferenzen des Waldkauzes zu ermitteln und anhand von Sonagrammen die einzelnen territorialen Männchen zweifelsfrei zu identifizieren. Die Gesänge von Waldkäuzen können sehr stark variieren, aber bestimmte Frequenz- und Zeitkomponenten ermöglichen eine zuverlässige Identifizierung. Somit konnten in dem 10.600 ha umfassenden Untersuchungsgebiet insgesamt 60 männliche Waldkauz-Individuen aufgenommen und identifiziert werden.

Danach berichtete Hugues Baudvin über die Ergebnisse „Der Waldkauz (Strix aluco) in Burgund 2015 und 2016“. Zwei Jahre mit ausgesprochen hoher und niedriger Reproduktionsrate verdeutlichen die Abhängigkeit des Bruterfolges vom Nahrungsangebot, insbesondere in der Besetzungsrate der Nistkästen, der Zahl beringter Jungkäuze und des Prozentsatzes neu angesiedelter Altvögel.

Karl-Heinz Graef stellte anschließend seine Ergebnisse über die „Dismigration und Sterblichkeit der Schleiereule (Tyto alba) im Hohenlohekreis (KÜN) aus 36 Jahren Schleiereulenberingung“ vor. Mit einem Artenschutzprogramm, in dessen Verlauf zunehmend 290 Nistkästen installiert worden sind, konnten brutbiologische Daten von über 1.700 Bruten gesammelt und mehr als 6.300 Jungeulen beringt werden, von denen bis heute ca. 800 Wiederfunde vorliegen.

Nach der Kaffeepause folgten weitere Beiträge zu verschiedenen Themen: Hans Schmidbauer präsentierte mit beeindruckenden Fotos seine „Beobachtung zum Kannibalismus beim Sperlings­kauz (Glaucidium passerinum) im Jahr 2015“. Ungewöhnlich bei dieser Brut in einem Jahr mit schlechter Nahrungssituation war, dass ein außerhalb der Bruthöhle am Waldboden liegender toter Jungkauz vom Weibchen wieder in die Bruthöhle eingetragen und dort verfüttert worden ist.

Karl-Heinz Graef berichtete in seinem zweiten Vortrag „Der Uhu (Bubo bubo) im Hohenlohekreis (KÜN) – 16 Jahre nach dem Erstnachweis“ über die Ansiedlung im Jahr 2001. Nach dem ersten Brutnachweis 2005 stieg der Uhubestand inzwischen auf 6-8 Paare an, die infolge fehlender Felsen im Hohenlohekreis durchweg reine Steinbruchbrüter sind. Alle erfolgreichen Bruten hatten nur 1-2 Junge. Der Vogelanteil in der Brutzeitnahrung ist relativ hoch, darunter auch viele Greifvögel und Eulen.

Im anschließenden Vortrag stellte Christian Harms seine „Detaillierte Verhaltensanalyse balzender Uhus mittels IR-Videokamera“ vor. In der Nähe von Freiburg wurde das Verhalten eines Uhupaares an ihrem ungestörten Brutplatz während der Vor- und Hauptbalz, der Brut und gesamten Jungenaufzucht kontinuierlich aufgezeichnet. Die IR-Videokamera ermöglichte ungeahnte Ein­blicke in das nächtliche Verhalten der Uhus an ihrem Brutplatz. Mit Beginn der Hauptbalz Anfang Januar besuchte das Männchen den Brutplatz immer häufiger und hielt sich dort auch zunehmend länger auf. Mitte Januar folgte das Weibchen dem Männchen erstmals zum Brutplatz. Die im Vortrag gezeigten IR-Videosequenzen illustrierten eindrucksvoll die qualitativen und quantitativen Aspekte des Balzverhaltens, beispielsweise das nächtliche Brutplatzzeigen, aber auch Beuteüber­gaben, rituelle Kopulationen und Scheinbrüten. Mit Ablage des ersten Eis am 22. Februar war das formale Ende der Balzperiode erreicht. Der Einsatz der IR-Videotechnik eröffnet neuartige Möglichkeiten des Vergleichs, beispielsweise zwischen erfahrenen, langjährig verbundenen und erstmalig brütenden Paaren.

Der letzte Vortrag von Anna Schmitz und ihren Mitarbeitern von der Ludwig-Maximilians-Universität München über „Usutu-Viren bei Eulen“ veranschaulichte eindrucksvoll die hohe Pathogenität dieser durch Mücken übertragenen RNA-Viren. Besonders empfänglich für Usutu-Viren sind vor allem Amseln, daneben weitere Vertreter der Sperlingsvögel (Passeriformes), aber auch Eulen (Strigiformes). Der im Juni 2015 unvermittelt aufgetretene Verlust von 3 Bartkäuzen und 1 Sperbereule im Zoo Köln dokumentiert die ausgesprochen hohe Empfind­lichkeit nordischer Eulen gegenüber den aus Afrika eingeschleppten Usutu-Viren.

In den Pausen und besonders nach dem letzten Vortragsblock hatten die Tagungsteilnehmer Gelegenheit, sich die in einem separaten Raum ausgestellten Eulenbilder anzuschauen. An dem zur Jubiläumstagung ausgelobten Fotowettbewerb beteiligten sich 26 Fotografen mit insgesamt 65 Bildern. Als Siegerbild wählten die Teilnehmer das Foto eines perfekt getarnten Waldkauzes in einer Baumhöhle von Christian Harms. Näheres zum Fotowettbewerb und den anderen prämierten Bildern kann im Beitrag von Christiane Geidel & Martin Lindner im ER 67 nachgelesen werden.

Am Samstagabend fand unsere alljährliche Mitgliederversammlung (MV) statt, bei der wichtige Änderungen in der Satzung und andere Themen wie unser Positionspapier zu Nisthilfen beschlossen wurden. Verlauf und Ergebnisse dieser MV sind in ausführlicher Form im ER 67 dargestellt.

Zum Abschluss der Tagung fanden am Sonntagvormittag bei strahlendem Sonnenschein und herrlicher Laubfärbung drei Exkursionen in der näheren Umgebung statt.

Exkursion 1 führte in einen nahegelegenen Steinbruch, wo Karl-Heinz Graef über die Brutplatzwechsel des Uhus informierte.

Die Teilnehmer der Exkursion 2 gingen in den Klosterwald, wo der zuständige Revierförster Ulrich Vinnai über forstwirtschaftliche Aspekte und die Vogelwelt in diesem bemerkenswerten Waldgebiet mit seinem alten Baumbestand berichtete.

Die Exkursion 3 führte in ein nahegelegenes Streuobstgebiet. Wolfgang Graef informierte über die Probleme, die mit der Pflege und dem Schutz dieses bedrohten Lebensraumes verbunden sind, sowie über verschiedene Vogelarten, insbesondere den lange Zeit verschwundenen Steinkauz, der 2005 wieder im Hohelohekreis gebrütet hat.

Zum Abschluss möchte ich allen Personen, die bei der Organisation dieser perfekt verlaufenen, eindrucksvollen Jahrestagung mitgewirkt und/oder Exkursionen geleitet haben, ein ganz herzliches Dankeschön sagen. In besonderem Maße sei aber Karl-Heinz Graef gedankt, der die Hauptlast der Vorbereitungen und die mit der Tagung verbundenen Mühen getragen hat.

Die nächste Jahrestagung der AG Eulen wird vom 20.-21. Oktober 2017 in Breklum/Kreis Nordfrieslandkreis in Schleswig-Holstein stattfinden. Allen Vereinsmitgliedern wünsche ich viel Erfolg und erlebnis­reiche Beobachtungen in der bereits laufenden Eulen-Brutsaison und freue mich schon jetzt auf ein zahlreiches und gesundes Wiedersehen zur Herbsttagung im Norden Deutschlands.

Zuletzt geändert: 2020/02/01 22:14
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