6. Internationales Symposium Populationsökologie von Greifvogel- und Eulenarten; 22. Jahrestagung der AG Eulen

6. Internationales Symposium Populationsökologie von Greifvogel- und Eulenarten; 22. Jahrestagung der AG Eulen

von Lukas Kratzsch, Dirk Tolkmitt

Vom 19. bis 22. Oktober 2006 fand das 6. Symposium „Populationsökologie von Greifvogel- und Eulenarten“ statt, wie fast alle Vorgänger in Meisdorf/Harz. Nach 1994 und 2002 fungierte die AG Eulen erneut als Mitveranstalter, diesmal neben dem Förderverein für Ökologie und Monitoring von Greifvogel- und Eulenarten e.V., der Gesellschaft für Wildtier- und Jagdforschung e.V. sowie Game Conservancy Deutschland e.V. Stolze 176 Teilnehmer nahmen an der Tagung teil. Im Vergleich mit den Vorgängertagungen auffallend war allerdings die geringe Zahl von Beiträgen zu Eulenarten.

Am Abend des Anreisetages berichtete MICHAEL STUBBE über Reiseeindrücke und Forschungsergebnisse aus der Mongolei. Seine langjährigen wissenschaftlichen Aktivitäten richten sich dort, neben Greifvogel- und Eulenarten, auch auf verschiedene Groß- und Kleinsäuger. Mit eindrücklichen Bildern brachte er den Zuhörern die Schönheit der Landschaften und die Besonderheiten der Fauna näher.

Die folgenden beiden Vortragstage boten mit 32 Beiträgen ein dichtes Programm. Einleitend sprach UBBO MAMMEN über aktuelle Trends der Bestände von Greifvogel- und Eulenarten in Deutschland, die sich in den Ergebnissen des Monitorings von Greifvögeln und Eulen Europas zeigen. Nach wie vor steigende Bestände sind danach bei Uhu und Steinkauz zu beobachten, während Waldkauz und Waldohreule eher abnehmen. Die übrigen Eulenarten zeigen - bei den bekannten Schwankungen - eher konstante Bestandsgrößen. Alle Eulenfreunde, die systematische Bestandserfassungen durchführen, sollten ihre Angaben melden, um die Berechnungen auf eine noch solidere Datenbasis zu stellen. BERND-ULRICH MEYBURG stellte neue Ergebnisse der GPS-Satelliten-Telemetrie bei Schrei-, Schell-, Kaiser- und Fischadler vor. Neben Angaben zur Aktionsraumgröße und Habitatnutzung sind erstmals detaillierte Aussagen zu Zugrouten, Flughöhen und Fluggeschwindigkeiten möglich. Im Anschluss berichtete TORSTEN LANGGEMACH über Nahrungsanalysen des Schreiadlers im Nordosten Deutschlands. Anhand verschiedener Methoden - insbesondere auch der Beobachtung zum Horst Beute tragender Altvögel - gewonnene Daten wurden nach Artenspektrum, Anzahl und Biomasse der Beutetiere ausgewertet und einem Methodenvergleich zugeführt. PETER HAUFF berichtete über die Entwicklung des Seeadlerbestandes in Mitteleuropa, die ganz aktuell in der Wiederbesiedlung der Niederlande gipfelte. Der Brutbestand in Deutschland nimmt weiterhin um jährlich etwa 25 Paare zu. DANIEL SCHMIDT gab einen Zwischenbericht zur Wiederansiedlung des Fischadlers in Südspanien, für die auch Jungvögel aus Deutschland verwendet werden. Im Anschluss stellte er seine Erfahrungen beim Kontrollfang adulter Fischadler am Brutplatz vor. Die Art des Lockvogels, der Zustand von Präparaten und der Abstand der Fanganlage zum Horst haben erheblichen Einfluss auf die Fangergebnisse. Schließlich präsentierte MICHAEL STUBBE erste Ergebnisse der Flügelmarkierung von Rot- und Schwarzmilan sowie Mäusebussard, für die mittlerweile mehrere tausend Ablesungen vorliegen.

RICHARD KRAFT gewährte im nächsten Vortragsblock Einblicke in die Feldmausgradationen der Jahre 1990 bis 2005 in Bayern und deren Auswirkungen auf den Bruterfolg von Greifvogel- und Eulenarten. Methodisch stellte er die Feldmausanteile in Schleiereulengewöllen aus Bayern den Daten des Monitorings Greifvögel und Eulen Europas gegenüber. TORSTEN LANGGEMACH berichtete über Langzeituntersuchungen zu den Verlustursachen von Greifvögeln und Eulen, wobei er einmal mehr auf Erntebindegarn als wichtigen Mortalitätsfaktor für einzelne Arten hinwies. STEFAN KUPKO nahm sich der Ernährung des Turmfalken in Berlin an, die starke Abhängigkeiten der Beutezusammensetzung vom Grad der Bebauung zeigt. BERND NICOLAI beendete den Vortragsblock mit ganz aktuellen Ergebnissen großflächiger Greifvogel-Erfassungen im Nordharzvorland. Sein Augenmerk galt besonders der Bestandssituation des Rotmilans, der nur noch etwa die Hälfte der früheren Siedlungsdichte erreicht.

Den Vortragsblock zu den Falken eröffnete KLAUS DIETRICH FIUCZYNSKS mit einem Bericht zur Situation des Baumfalken im Berliner Raum, der hier in den letzten Jahrzehnten neben einem starken Rückgang auch Änderungen des gewählten Brutbiotops zeigt. Es folgten Berichte zum Wiederaufbau der Populationen und die Farbmarkierung des Wanderfalken in Ostdeutschland von GERT KLEINSTÄUBER sowie über die Erschließung neuer Lebensräume durch die Art in Hessen von WOLFRAM BRAUNEIS.

Den zweiten Vortragstag eröffnete Richard Zink mit einer Präsentation zur Dispersion, Paarbildung und Reproduktion wiederangesiedelter Bartgeier in den Alpen, in der er auch auf das Phänomen der Einflüge von Geiern ins nördliche Mitteleuropa einging. TOBIAS STENZEL sprach über Wechselbeziehungen zwischen Greifvögeln und Corviden in der Waldsteppe der Mongolei. In seinem Beobachtungsgebiet kommt der Amurfalke in kolonieartigen Brutbeständen vor. Es folgten Vorträge über die erfolgreichen Bemühungen um den Schutz der Wiesenweihe in Mainfranken von CLAUDIA PÜRCKHAUER sowie Schleswig-Holstein von DANIEL HOFFMANN. Die an sich erfreulichen Bestandszahlen in beiden Gebieten sind derzeit leider nur mit erheblichem Aufwand zum Schutz der Feldbruten zu halten und lassen die Frage nach zukünftigen Schutzansätzen für die Art offen.

Einem leider aktueller werdenden Thema widmeten sich die folgenden Beiträge zu Vergiftungen von Greifvögeln. Anhand von Foto- und Videodokumentationen berichtete DIETER HAAS über die Symptomatik von Greifvögeln nach Giftanschlägen. Dabei ging er vor allem auf die Auswirkungen von Phosphorsäureester und Chloralose ein, die offenbar häufiger gezielt eingesetzt werden. Im Anschluss stellte ERWIN SCHMIDT einen Fall von Vergiftungen mit dem Pestizid Aldicarb im Freistaat Thüringen vor. Dank der Zusammenarbeit mit den zuständigen Kreisbehörden konnte hier der Täter überführt werden. ANDREAS SKIBBE stellte eine Methode zur großflächigen Bestandsaufnahme des Mäusebussards in Mitteleuropa vor, anhand derer er Brutpaarzahlen für Nordrhein-Westfalen errechnete und diese mit bisherigen Bestandsangaben verglich. In einem zweiten Vortrag betrachtete er Sommer- und Winterbestände des Mäusebussards im deutsch-polnischen Tiefland und lieferte hierfür auf Hochrechnungen beruhende Zahlen.

Den nächsten Vortragsblock eröffnete OLIVER KRÜGER. Unter dem Titel „Mäusebussard, Habicht, Uhu: ein natürliches Experiment in Ostwestfalen“ präsentierte er sehr interessante Einblicke in die Wechselwirkungen zwischen Uhu einerseits und Habicht sowie Mäusebussard andererseits, deren Bestandsdichte und Fortpflanzungserfolg signifikant von der Anwesenheit des Uhus abhängen. ADRIAN AEBISCHER stellte erste Ergebnisse zur Jugenddispersion schweizer Rotmilane vor. Die mittels Satelliten-Telemetrie gewonnenen Daten weisen auf ein wesentlich komplexeres Verhalten hin, als es bislang angenommen wurde. Den Brutbestand und die Habitatnutzung von Greifvögeln untersucht KERSTIN MAMMEN seit mehreren Jahren auf einer größeren Fläche der Querfurter Platte. Sie konnte spezifische Verteilungsmuster der Brutansiedlungen und der Raumnutzung darstellen, deren Ursachen noch nicht vollends geklärt sind. Im Anschluss berichtete THOMAS PFEIFFER über seine langjährigen Untersuchungen zur Alterstruktur brütender Rotmilane im Weimarer Raum. Methodisch zum Durchbruch verhalf ihm die Nutzung von Flügelmarken, die eine wesentlich höhere Anzahl an Daten liefert. Schließlich illustrierte ULRICH KÖPPEN die vielfältigen Möglichkeiten, aus den Beringungs- und Wiederfunddaten der Vogelwarten Aussagen zur Ökologie von Greifvogel- und Eulenarten zu gewinnen.

Der letzte Vortragsblock widmete sich dann ganz den heimischen Eulen. WILHELM BREUER stellte zu Beginn die Reichweite des Artenschutzrechts am Beispiel der Eulen dar. Die lebhafte Diskussion seines Beitrags zeigte einmal mehr den Bedarf an praktischen Handlungsempfehlungen. Bleibt zu hoffen, dass Breuer sich zu einer allgemein verständlichen Darstellung der relevanten Bereiche des Naturschutzrechts bereit findet. Nachfolgend befasste sich MARTIN LINDNER mit dem Uhu als Bauwerksbrüter. Sein Vortrag umspannte den beachtlichen Zeitraum vom Alten Ägypten bis in die Neuzeit, in dem er spezifische Unterschiede in der Brutplatzwahl zwischen Uhu und Wanderfalke ausmacht. CHRISTOPH PURSCHKE berichtete über seine Erfahrungen mit der Erhebung von Eulenbeständen im Schwarzwald. Ein Monitoring von Raufuß- und Sperlingskauz allein anhand akustischer Methoden erscheint aus seiner Sicht als unzureichend. Erste Ergebnisse zur Raum- und Habitatnutzung des Uhus um Würzburg hat MARC SITKEWITZ gewonnen. Er konnte aus seinem auf mehrere Jahre angelegten Programm insbesondere Daten zur Aktionsraumgröße vorstellen. Abschließend ging JOCHEN WIESNER der Frage nach, ob die mitteleuropäische Sperlingskauz-Population in Ausbreitung begriffen ist. Er betonte zunächst die enge Bindung an das Vorkommen der Fichte, die wegen der Verwendung der Baumart im Waldbau einer Ansiedlung im Flachland nicht entgegenstehe. Viele Indizien und neuere Nachweise sprächen in der Tat für Ausbreitungstendenzen in nördliche Richtung, Informationslücken seien jedoch nicht ganz auszuschließen. Die bessere Artenkenntnis könne aber nicht für alle neuen Nachweise verantwortlich gemacht werden. In Ostdeutschland seien zweifellos echte Ausbreitungen auszumachen.

Den Abschluss des Symposiums bildete der Exkursionstag. Bei herrlichem Wetter führte RUDOLF ORTLIEB zu Felsbrutplätzen des Wanderfalken in den Harz, GÜNTHER RÖBER stellte den Muldestausee im Landkreis Bitterfeld vor, an dem eine Horstkamera interessante Einblicke in das Brutverhalten des Fischadlers gewährt, und MICHAEL STUBBE führte durch den Hakel. Erwähnt sei noch, dass die Teilnehmer insgesamt vier Resolutionen verabschiedeten. Sie mahnen stärkere Bemühungen zum Schutz von Rotmilan und Schreiadler an. Außerdem wird ein Handlungs- und Besitzverbot für jene Chemikalien gefordert, die am häufigsten bei illegalen Nachstellungen benutzt werden.

Quelle: 2007 Eulen-Rundblick 57: 55-56

Zuletzt geändert: 2014/04/14 17:15
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